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Im quietschbunten Niemandsland

Diese Kinder haben Disneyworld vor der Tür, müssen sich aber alleine zu helfen wissen. «The Florida Project» mit Willem Dafoe erzählt vom Leben in Billigmotels.

Willem Dafoe ist der einzige professionelle Hauptdarsteller im Film.
Willem Dafoe ist der einzige professionelle Hauptdarsteller im Film.

Sie sind jung, wild und zünden auch mal ein leer stehendes Haus an. Ob absichtlich oder aus fehlgeleitetem Spieltrieb, ist schwer zu sagen. Moonee, Scooty und Jancey sind jedoch keine hormonell übersteuerten Jugendlichen, sondern sechsjährige Kinder, die mit ihren alleiner­ziehenden Müttern in Billigmotels in Florida hausen. Diese bunten Bleiben beherbergten einst Touristen des benachbarten Disneyworld-Themenparks; inzwischen sind sie zu Durchgangsstationen für Minderbemittelte verkommen, welche darum kämpfen, ihr tägliches Übernachtungsgeld zusammenzukratzen.

«Seit zwanzig Jahren beobachten wir in den USA ein Verschwinden der Mittelklasse», sagt Regisseur Sean Baker, «und jede staatliche Budget­reduktion verschärft diese Situation noch.» Baker, der seinen letzten Film «Tangerine» (2015) komplett auf dem iPhone drehte, hat für «The Florida Project» dokumentarisches mit ­fiktionalem Material kombiniert. Das violette Magic Castle Motel mit seinen Bewohnern gibt es tatsächlich, die Hauptdarstellerinnen Brooklynn Prince (Moonee) und Bria Vinaite (deren Mutter Halley) sind Laien. Einzig der brummbärige Hotelmanager Bobby wird von einem Profi verkörpert – Willem Dafoe. «Ursprünglich wollten wir die Figur der Halley ebenfalls mit einer Hollywoodschauspielerin besetzen», sagt Baker. «Aber dann bekam ich lauter Absagen.» Auf Instagram sei er schliesslich auf die stark tätowierte 22-jährige Bria Vinaite gestossen. «Sie war lustig, voller Energie und authentisch – genau das, was ich brauchte.»

Diese Grundstimmung überträgt sich auf den Film: «The Florida Project» ist kein latenter Problemfall wie die Hotelbewohner, es sind launige, episodisch erzählte Geschichten mit Figuren, die sich immer mal wieder in die Haare geraten. Das hat insofern Klasse, als der Film aus Sicht der Kinder erzählt ist, die nicht ahnen, wie schlimm es um sie steht – ganz ähnlich wie in Regisseur Bakers grossem Vorbild «The Little Rascals» (1922-42), einer der erfolgreichsten Serien. Die grösste Herausforderung war allerdings die Arbeit mit den Kindern. «Ich hatte diesen Aspekt komplett unterschätzt», gibt Baker zu. «Sechsjährige sind nach ein bis zwei Takes erschöpft, das musste ich auf die harte Tour lernen. Kommt hinzu, dass wir uns Gewerkschaftsregeln beugen mussten: Nach sechs Stunden Arbeit ist Schluss, um Mitternacht wird die Kamera abgestellt, ganz gleich, wie wichtig die Szene ist.»

Trotzdem ist es Baker gelungen, einen ­filmischen Abenteuerspielplatz zu schaffen – mit Szenen, die man nicht mehr vergisst. Zum Beispiel, als Mooney & Co. ahnungslosen Touristen vor einem Glaceladen ­auflauern mit den Worten: «Hätten Sie etwas Kleingeld für uns? Der Arzt sagte, wir haben Asthma und müssen sofort Eiscreme essen.» Oder als das leer stehende Haus abbrennt und ein ­echter Anwohner kommentiert: «Das hier ist so viel besser als Fernsehen.»

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