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«In der Diktatur nimmt keiner Gesetze ernst»

Für «4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage» erhielt er in Cannes die Goldene Palme, für «Bacalaureat/Graduation» den Regiepreis. Cristian Mungiu erzählt von der Korruption in Rumänien.

Romeo würde alles tun, damit seine Tochter die Matura besteht.
Romeo würde alles tun, damit seine Tochter die Matura besteht.

In «Bacalaureat/Graduation» will ein Arzt seine Tochter zum Guten erziehen und holt dann trotzdem Vorteile für sie raus, um ihr zu helfen. Muss Rumänien mit der Korruption leben?

Es gibt einen kleinen Unterschied: Korruption ist soziales Verhalten, sie ist Ausdruck von Missständen im System. Das, was ich Kompromisse nenne, sind Lösungen für ungewisse Situationen, in die man in Rumänien immer wieder gerät. Eine feine Grenze: Man kann jemandem helfen, weil etwas nicht funktioniert, wie es sollte. Oder man kann etwas wirklich Unmoralisches tun. Nur ist es viel schwieriger, Probleme gemeinsam zu lösen, als es für sich selbst so hinzubiegen, dass man allgemeine Regeln nicht befolgen muss.

So, wie ich Ihr Drama verstanden habe, sagen Sie: Käuflichkeit wird es immer geben.

Ja, in gewisser Weise. Die Rumänen beklagen sich über Korruption, hinterfragen aber ihre eigenen Entscheidungen kaum. Und alle Eltern verfügen ja über die wunderbare Fähigkeit, vor ihren Kindern grosse Reden über Moral zu halten und diese dann sauber zu trennen von den weniger noblen Entscheidungen, die sie im Namen ihrer Kinder fällen, ohne je darüber zu sprechen. Erziehung aber besteht aus Worten und Taten.

Kriegen die Kinder irgendwann selber raus, wie sie sich in einer entsicherten Gesellschaft verhalten müssen?

Lassen Sie mich das so beantworten: Wenn wir über unser Leben und über die Kompromisse nachdenken, die wir selber eingegangen sind, können wir uns dann an einen Urmoment erinnern? Also an jene Situation, in der wir zum allerersten Mal jemanden um einen Gefallen gebeten und ihm danach etwas geschuldet haben? In diesem Moment haben wir die andere Welt betreten. In «Bacalaureat» versucht der Vater, seiner Tochter die Flucht zu ermöglichen, bevor für sie dieser Urmoment eintritt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das möglich ist.

Wie so oft beim neuen rumänischen Film spielt auch in «Bacalaureat» das Erbe der sozialistischen Diktatur eine Rolle.

Als der Kommunismus 1989 zusammenbrach, war ich 21. Wir hatten nie erwartet, dass wir in Freiheit leben könnten. Also empfanden wir es als unsere Verantwortung, die Dinge zum Laufen zu bringen. Einiges haben wir hinbekommen, aber heute sind die Leute aus meiner Generation etwas enttäuscht über den Fortschritt. Man sagt, dass wir die Generation seien, die die Opfer gebracht hat. Nur hat man das auch über die Generation meiner Eltern gesagt. Kommt dazu: Wenn man in einer Diktatur aufwächst, lernt man, Gesetze nicht ernst zu nehmen, weil sie offenkundig ungerecht sind. Bricht das System zusammen, neigt man also nicht plötzlich dazu, Gesetze auf den Buchstaben genau zu befolgen. Ausserdem fehlen der Gesellschaft die respektablen Leute, die man in ein Amt wählen würde. In Rumänien haben wir heute ein Parlament, in dem jeder versucht, Gesetze zu erlassen, die ihm nützen.

Produziert man nicht auch menschliche Wärme, wenn man sich gegenseitig einen Gefallen tut?

Doch, und das gehört ja auch zum sozialen Zusammenleben. Aber es gibt eine Grenze. Wie bei der Höflichkeit: Sie ist Teil des sozialen Lebens, aber sie kann auch in politische Korrektheit umschlagen. Beide Male äussert man sich nicht auf ehrliche Weise. Aber für das Miteinander ist lediglich die Höflichkeit vonnöten. Wer weiter geht, überschreitet die Grenze. Ab 2.3. im Kino.

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