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«Israel lässt keinen Juden kalt»

Zum dritten Mal finden die jüdischen Filmtage Yesh! statt. Der israelische Film ist brutaler, widersprüchlicher und lustiger als das bequeme Schweizer Kino. Festivaldirektor Michel Rappaport erklärt weshalb.

Mit dem Jüdischsein ist das so eine Sache. Irgendwann im Verlauf unseres Gesprächs seufzt Michel Rappaport, der Direktor des Yesh!, und sagt: «Als Jugendlicher habe ich mein Jüdischsein versteckt.» Dass er jetzt mit 55 Jahren jüdische Filmtageorganisiere und somit jeder wisse, dass er jüdisch sei, sei ein Entwicklungsschritt für ihn. Als Jude gehöre man zu einer Minderheit. Während Rap­pa­port als Teenager nicht auffallen wollte, begann er sich später für die jüdische Identität zu interessieren. Dennoch: «Ich bin primär Schweizer und Architekt. Mit jüdischem Background.»

Warum braucht Zürich ein jüdisches Filmfestival? In Rappaports jüdischer Gemeinde, der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, werden öfter Filme gezeigt. Mit den Filmtagen soll darüber hinaus «ganz Zürich ein Zugang zu jüdischen Filmen ermöglicht werden», eine Plattform, bei der sich Menschen mit verschiedensten kulturellen Hintergründen austauschen können. «Gerade in Zeiten von vermehrtem Rassismus wollen wir durch das Medium Film Interesse und Verständnis dem Judentum gegenüber fördern.»

Der Einfluss Israels

Wer sich mit der jüdischen Identität beschäftigt, kommt um ein Land nicht herum: Israel. Das spiegelt sich auch in der Filmauswahl am Yesh!, kommt doch über die Hälfte der 28 Filme im Festivalprogramm von dort. «Als Jude hat man eine besondere Beziehung zum Land. Egal, was für eine – Israel lässt keinen Juden kalt», sagt Rappaport. Das Land biete immer wieder Anlass zu hitzigen Diskussionen – auch in den eigenen Reihen. Das Spezielle an Israel sei seine ausgeprägt multikulturelle Bevölkerung. «Die Bewohner sind aus allen Ländern immigriert, in den 50er-Jahren auch aus Nordafrika und Arabien.» Israel sei eine kleine Welt in der grossen, was sich wiederum im israelischen Film spiegle.

Mitunter geht es in diesem sehr rau zu, wie im Gangsterfilm «Our Father». Da lernt man einen Club in Tel Aviv kennen. Der Alkohol fliesst in Strömen, auf der Toilette zieht sich jemand eine Linie Kokain rein, am Eingang weist ein Kasten von Türsteher ungebetene Gäste ab. Immer wieder fliegen welche raus – zwielichtige Gestalten hat es hier mehr als genug. Insgeheim wünscht sich der strenggläubige Türsteher nur eines: endlich ein Kind mit seiner Frau. Aber bei dem Versuch, ihr eine medizinische Behandlung zu finanzieren, rutscht er in die Gewalt ab.

Zerrissenheit filmisch verarbeiten

«An der jüdischen Filmwelt hat Israel grossen Anteil», sagt Rappaport. In Israel gebe es eine ausserordentliche Dichte an Filmschulen. Bemerkenswert ist zudem: «Es entstehen sehr viele Filme, vor allem aber auch erstaunlich viele wirklich gute.» Angesichts der Grösse des Landes sei das überdurchschnittlich. Die israelischen Regisseure scheinen laut Rappaport das Bedürfnis zu haben, ihren komplexen Alltag mittels Filmen zu verarbeiten. «Filme ermöglichen ihnen die Auseinandersetzung. Themen gibt es ja en masse.» Aus den Konflikten, seien es politisch-kriegerische, religiöse oder innerfamiliäre mit dem anders gewickelten Nachbarn, lassen sich Geschichten ziehen. Auch kritische – gegenüber der Regierung, sich selbst gegenüber. Das sei ein Unterschied zum Schweizer Film: «Uns geht es in der Schweiz sehr gut, wir haben wenig Auseinandersetzungen. Daher wissen wir nicht, worüber wir berichten könnten», sagt Rappaport. Dem Schweizer Film fehlten aktuelle Themen, «das merkt man leider vielen Produktionen an».

Wer selbst in Israel war, weiss, wie vielseitig und komplex das Land ist. Der erwähnte Film «Our Father» zeigt den Spagat, den einige Israelis zur Bewältigung ihrer verschiedenen Lebenswelten machen müssen, exemplarisch auf. Beeindruckend findet Yesh!-Direktor Rappaport diesen Film, auch wenn ihm die darin gezeigte Gewalt nahegeht. «Wahrscheinlich ging es dem Regisseur darum, die Extreme zwischen liebevollem Ehemann und Ganove im Sündenpfuhl aufzuzeigen.» Doppelleben gebe es bei streng religiösen Juden übrigens wie auch sonst überall: «Ich habe von Leuten aus der orthodoxen Welt gehört, die im Versteckten nicht jüdische Frauen haben. Das ist streng verboten.» Das andere Leben müssten diese vor der Familie geheim halten, weil sie sonst den gesamten Rückhalt verlören und verstossen würden.

Zerrissen zwischen Orthodoxie und körperlichem Verlangen nach ihrem Mann ist eine orthodoxe Frau im Drama «Mountain». Sie und ihre Familie wohnen auf dem jüdischen Friedhof am Ölberg oberhalb von Jerusalem, und allein schon dieser Schauplatz macht den Film sehenswert. Sie bewohnen eine ärmliche Hütte, statt eines Gartens ist diese umgeben von Gräbern, neben denen sich tagsüber Touristen tummeln und nachts Huren und Zuhälter. Nach leidenschaftslosem Sex mit ihrem Mann beginnt die Frau, des Nachts den Huren und Zuhältern Pouleteintöpfe vorbeizubringen. Sie fühlt sich von dieser neuen Welt magisch angezogen; als Zuschauer fasziniert einen wiederum diese in ihrem orthodoxen Dasein gefangene Frau.

Über sich selbst Lachen

Im Yesh!-Programm finden sich neben Dokumentarfilmen und Dramen auch Komödien und Tragikomödien. «Das ist ein weiteres Merkmal eines Films aus der jüdischen Welt: Es ist typisch, auch in den schlimmsten Situationen noch einen Witz zu machen», sagt Rappaport. «Der Galgenhumor ist sehr ausgeprägt.» Und die jüdischen Filmemacher würden auch gegen sich selbst schiessen. Jüdische Regisseure schafften es, die Balance zwischen Komik und Tragik zu halten, sodass man lachen müsse, selbst wenn einem zum Weinen zumute sei. Hat dieser Humor mit dem Holocaust zu tun? «Unter anderem. Wir Juden haben immer wieder schwierige Zeiten erlebt, gleichwohl machen wir weiter», sagt Rappaport. Humor hilft dabei.

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