Mehr als eine Glaubensfrage

Melvil Poupaud spielt in «Grâce à Dieu» ein Missbrauchsopfer – und bleibt seinem Glauben trotzdem treu.

Alexandre (Melvil Poupaud) traut seinen Augen nicht: Der Priester, der ihn missbrauchte, ist noch im Amt.

Alexandre (Melvil Poupaud) traut seinen Augen nicht: Der Priester, der ihn missbrauchte, ist noch im Amt.

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«Ja, ich lese die Bibel, ja, ich glaube an Jesus Christus, den Erlöser.» Melvil Poupaud sagt das, ohne ein grosses Tamtam daraus zu machen, fast beiläufig. Er sagt aber auch: «Ich bin nicht getauft, in keiner Kirche zu Hause, fühle mich nicht katholisch, nicht orthodox, gar nichts. Ich gehe meinen Weg ganz für mich alleine.»

Melvil Poupaud (46) ist in Frankreich ein bekannter Schauspieler und Musiker, zuletzt stand er mit Benjamin Biolay in einem Spektakel auf der Bühne, das Musik, Theater und Film vereinte. Im Kino spielte er Hauptrollen für renommierte Regisseure wie Eric Rohmer, Raoul Ruiz und immer wieder François Ozon, der ihm dieses öffent­liche Glaubensbekenntnis nun eingebrockt hat.

Und zwar in doppelter Hinsicht: In Ozons neuem Film «Grâce à Dieu» ist Poupaud als gläubiger Katholik zu sehen. Und vor dem Interview mit dem Hauptdarsteller stichelt der Regisseur: «Fragen Sie ihn nach seinem Glauben, ich habe ihn nur deswegen besetzt …»

Trotz Trauma den Glauben nicht Verlieren: «Grâce à Dieu» erzählt eine wahre Geschichte. Video: YouTube/Filmcoopi Zürich

«Grâce à Dieu» ist allerdings alles ande­re als ein Loblied auf die Kirche. Der Film basiert auf einem wahren Fall; im Mittelpunkt stehen die Machenschaften eines Geistlichen, der zahlreiche Jugendliche missbrauchte. Jahre später findet sein Opfer Alexandre heraus, dass dieser Mann noch im Amt ist.

Zuerst denkt er, das könne nur ein Missverständnis sein, beginnt zu handeln und bringt einen Fall ins Rollen, der seine Kreise bis zum Erzbischof von Lyon zieht (der Berufungsprozess gegen den echten Erzbischof Philippe Barbarin, der in erster Instanz zu sechs Monaten Haft verurteilt wurde, ist noch im Gang).

Ozon inszeniert das fast dokumentarisch, als eine Art Stafettenfilm: Alexandre beginnt, später übernehmen andere. «Ich versuche, einen katholischen Traditionalisten zu spielen, eine Figur, die man selten genug im Kino sieht», sagt Poupaud. Ihm sei wichtig gewesen, dass dieser brave Bürger immer mutiger werde, wirklich etwas verändern wolle. «Da geht es ihm wie mir: Wenn ich etwas hasse, dann sind es verschwiegene Autoritäten.»

Poupaud macht das hervorragend. Der Film verliert ihn mit der Zeit aus den Augen, aber für das Ende ist er wieder da. «Glaubst du noch an Gott?», wird Alexandre dabei gefragt. Seine Antwort darauf ist nur ein Blick, und der ist vieldeutig. «Das war die schwierigste Szene des Films», erinnert sich Melvil Poupaud. Aber für ihn selber ist klar: Er würde mit «Ja» antworten.

Arthouse Le Paris
Stadelhofen
Do–So 12.15 Uhr Vorpremiere im Lunchkino
Mo–Mi 14.40 Uhr, 17.35 Uhr, 20.30 Uhr
www.arthouse.ch

Erstellt: 03.10.2019, 10:34 Uhr

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