Kino der Schatten

Zwischen den beiden Weltkriegen entstanden in Deutschland revolutionäre Werke. Das Filmpodium zeigt die Klassiker des Weimarer Kinos.

«Das Cabinet des Dr. Caligari» (1920): Ein Schlafwandler führt die Pläne eines tyrannischen Irren aus.

«Das Cabinet des Dr. Caligari» (1920): Ein Schlafwandler führt die Pläne eines tyrannischen Irren aus.

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«Du musst Caligari werden!», stand 1920 auf vielen Plakatsäulen in ganz Deutschland. Nein, das bewarb keine Sekte, sondern ein Meisterwerk des expressionistischen Films: «Das Cabinet des Dr. Caligari». Das zentrale Merkmal dieser Filme ist das gemalte Set, dem sich selbst die Darsteller unterordnen mussten. Mit verzerrten Perspektiven, abstrakten Naturlandschaften und Treppen, die scheinbar ins Nichts führen, widerspiegelt das expressionistische Kino den inneren Zustand der Figuren, was besonders nach dem Schrecken des Ersten Weltkriegs grossen Anklang fand. Und so taumelt der Schlafwandler Cesare durch eine Stadt der schiefen Häuser, um im Auftrag seines Herren Dr. Caligari Morde zu begehen. Diese Stimmung der konstanten Bedrohung, der Stadt als einem Labyrinth und Ort des Verbrechens, wurde später ein wichtiger Aspekt im Film noir.

Gerade mal fünfzehn Jahre dauerte das Weimarer Kino, vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Machtergreifung der Nazis. In der jungen Republik, die Inflation und Gewalt erlebte, aber auch von einer Aufbruchstimmung und einer vergnügungsfreudigen Jugend geprägt war, entstand ein Kino, das zu dieser Zeit als einziges mit Hollywood konkurrieren konnte – sowohl in der Anzahl der Werke als auch in seinem künstlerischen Ausdruck.

Mit Neugier und Experimentierfreude revolutionierten die deutschen Filmemacher das Medium. Für «Der letzte Mann» (1924) erfand F. W. Murnau mit Kameramann Karl Freund Möglichkeiten, die Kamera aus ihrer bis dahin starren Stellung zu befreien. In der Eröffnungsszene versetzten die beiden das Publikum in Staunen, als sie das Kameraauge scheinbar ?mühelos durch eine Hotellobby gleiten liessen. Dafür schoben sie den Apparat an ein Fahrrad gebunden durch den Raum.

Besonders einflussreich war auch Fritz Lang, der Genrespezialist. Neben der Fantasy («Die Nibelungen») und dem Abenteuerfilm («Die Spinnen») prägte Lang die Science-Fiction und den Krimi. «Metropolis» (1927) war sein politischstes Werk. In einer Stadt der Zukunft leben die Reichen an der Oberfläche, während die ?Armen unter der dunklen Erde schuften – bis es zu einem Aufstand kommt. Die grandiose Architektur mit ihrem imposanten Turm zu Babel und der Robotermensch Maria beflügelten unzählige futuristische Nachfolger wie «Blade Runner» oder «The Fifth Element». Dem Krimi drückte Lang mit den Mabuse-Filmen sowie seinem ersten Tonfilm «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» (1931) den Stempel auf. Er nahm den Film noir vorweg, indem er eine Welt der verschwommenen Moral zwischen Polizei und Unterwelt zeigte.

Als Reaktion auf die Extravaganzen des expressionistischen Films entstand Ende der 20er-Jahre die Neue Sachlichkeit. Man wollte weg von den verzerrten Perspektiven und hin zur realistischen Darstellung. So entstand 1925 «Die freudlose Gasse», die das Elend der Unterschicht zeigt, aus dem sich für Frauen oft nur die Prostitution als Ausweg anbot. Einzig Grete (gespielt von der jungen Greta Garbo) wird von diesem Schicksal bewahrt. Mit etwas mehr Leichtigkeit erzählt «Menschen am Sonntag» (1929) vom Leben einer Gruppe junger Leute, die ihren freien Tag am See verbringen. Hier sammelte Billy Wilder Erfahrungen als Drehbuchautor.

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, wurde das Weimarer Kino als entartete Kunst gebrandmarkt; viele der Filmemacher mussten emigrieren. Aber dem Einfluss dieser Künstler, ihrer Werke und ihrer Ästhetik konnten die Nazis nichts mehr anhaben. Der Weimarer Film hatte bereits die Welt erobert.

Von Mo 3.4. bis Mo 15.5. (Zueritipp)

Erstellt: 29.03.2017, 13:02 Uhr

Kracuaer vs. Kaes

1947 schrieb der in die USA emigrierte deutsche Filmkritiker Siegfried Kracauer das Buch «From Caligari to Hitler». Er argumentiert darin, die Sehnsucht der Deutschen nach einem starken Führer sei bereits in den Filmen der Weimarer Republik zu erkennen gewesen, namentlich in der Figur des Dr. Caligari und vieler weiterer tyrannischer Irrer. Das Kino fand er besonders geeignet für diese psychologische Analyse, da das Massenmedium die «Mentalität einer Nation reflektiert». Dagegen vertritt Anton Kaes von der Stanford University in seinem Buch «Shell Shock Cinema» (2011) eine andere Theorie: Er zeigt auf, dass das Weimarer Kino getrieben wurde vom Kriegstrauma (engl. shell shock) des Ersten Weltkrieges. Die vielen Psychopathen, Verbrecher und Verführer müsse man in diesem Zusammenhang verstehen. Am 11. Mai hält die Publizistin Marli Feldvoss einen Vortrag zu diesem Streitpunkt der Filmforschung. (msw)

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