Kunstfehler im Suff

Der Grieche Yorgos Lanthimos inszenierte mit «The Killing of a Sacred Deer» einen Rachethriller – als antike Tragödie in der amerikanischen Gegenwart.

Der Chirurg (Colin Farrell) hat einen schweren Fehler begangen. Dafür soll er bezahlen.

Der Chirurg (Colin Farrell) hat einen schweren Fehler begangen. Dafür soll er bezahlen.

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Vielleicht ist es ja wahr, und wir mit unserer Vernunft und Psychologie stehen auf einem Grund von geronnener Seelen­erfahrung, von Mythen. In uns wispern die uralten Ängste vor Schuld und Vergeltung, und es wüten die missgünstigen Götter. Sie vergelten Übles mit Üblem und haben ihre Freude an der Unterwerfung: die Artemis der Griechen zum Beispiel, die vom König Agamemnon die Opferung der Iphigenie verlangte als Preis für den Tod einer heiligen Hirschkuh; oder der Gott Abrahams, der von ihm forderte, seinen Sohn zu schlachten. Selbst Jesus, als er noch Mensch war, hielt es für bussfertig, dass Maria Magdalena ihm die Füsse salbte.

Und item, das kommt, in sinngemässer, hintersinniger Umsetzung, alles vor in Yorgos Lanthimos’ neuem Spielfilm «The Killing of a Sacred Deer». Man darf ihn einen Thriller nennen, der Einfachheit halber. Aber es zieht sich darin die Blutspur vom Alten Testament zu den Tragödien des Aischylos oder des Euripides und über die Andeutungen von christlichen Demuts­dramen in die gottlose Moderne; und betrachtet man diesen Film so, erscheint er einem wie ein sarkastisches Mysterienspiel.

Darin gehts um den Herzchirurgen Steven Murphy (Colin Farrell), der vor Jahren im Suff einen Kunstfehler begangen hat. Es starb ihm ein Mann unter den Händen, und die Frau des Toten nahm es so hin. Ihr Sohn jedoch, Martin (Barry Keoghan), ins Teenageralter gekommen, zwingt diesen Murphy nun hinein in eine kuriose Vater­rolle, und als der sich wehrt, wird aus einem Buben ein pubertärer herrischer Gott: Jemand aus Murphys Familie soll sterben, der Sohn, die Tochter oder die Frau (Nicole Kidman); der Vater soll wählen und töten, man versteht: ausgleichende Gerechtigkeit, und kurzum, wir sind da im Film schon auf der Ebene einer Unwirklichkeit, in der gött­liche Flüche tatsächlich Wirkung haben.

Ein frostiger Film. Kalt weht es aus seltsam verkünstelten Dialogen, Figuren erstarren zu Bedeutungsstatuen. Es ist fast so, als wäre Michael Haneke ein meta­physischer Surrealist geworden. Nein, eine Geschichte zum Gernhaben ist das wirklich nicht. Aber es beeindruckt die Konsequenz ihrer Eisigkeit.

(Zueritipp)

Erstellt: 11.01.2018, 14:30 Uhr

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