Laras Kampf

In «Girl» muss sich ein Transmädchen zwischen Ballett und Frausein entscheiden: Wir trafen den Regisseur des preisgekrönten Films.

Sie ist anders als ihre Ballett-Freundinnen: Lara (Victor Polster, l.)

Sie ist anders als ihre Ballett-Freundinnen: Lara (Victor Polster, l.)

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Dieses Gesicht! Kurz nimmt der Schmerz überhand, in den Augen glitzern Tränen, pure Verzweiflung blitzt auf – dann ist die Mimik wieder unter Kontrolle. Noch mal von vorn: «Préparation, pirouettes», befiehlt die Lehrerin der renommierten Ballettakademie.

Was sie nicht weiss: Lara (in Cannes preisgekrönt: Victor Polster), der das Gesicht gehört, leidet nicht nur an blutenden Zehen vom Spitzentanz. Sie hat sich eine Infektion im Intimbereich geholt. Die 15-Jährige versteht sich als Mädchen, doch ihr Körper ist noch der eines Jungen. Damit das niemand merkt, bindet sie jeden Morgen den Penis ab.

«Ich wollte eine Person porträtieren, die mutiger ist, als ich es als Kind war.»Lukas Dhont

«Victor ist meine Traumbesetzung», sagt Regisseur Lukas Dhont, den wir am Zurich Film Festival trafen. «500 junge Menschen haben wir für die Hauptrolle gecastet, Mädchen, Jungen, Transmädchen – niemand passte.» Doch dann kam Victor Polster. «Er hatte einfach alles: pure Eleganz, eine faszinierende Mischung aus weiblich und männlich und mit damals 14 Jahren das richtige Alter.» Nur Spitzentanz, der sei nicht seine Stärke, weshalb man kaum Ganzkörperaufnahmen des tanzenden Polster sieht.

Die biologische und gesellschaftliche Definition von Geschlecht interessiert den 27-jährigen Dhont seit seiner Kindheit. «Ich musste in die Pfadi, dabei wollte ich nur tanzen.» Als Primarschüler merkte er, dass die Mitschüler das seltsam und unmännlich fanden. «Also habe ich es gelassen.»

Ein Transmädchen zwischen Tanz und Frausein: «Girl». Video: DCM

Später im Filmstudium stiess er – damals rang er noch mit seiner Homosexualität – auf den Artikel einer Ballerina, die im Körper eines Jungen geboren worden war, sich aber als Mädchen fühlte. «Ich wollte eine Person porträtieren, die mutiger ist, als ich es als Kind war.» Diesen persönlichen Bezug merkt man jeder Einstellung an.

Als Lara weibliche Hormone für ihre Geschlechtsumwandlung nimmt, ist sie den Strapazen einer Ballerina immer weniger gewachsen. Sie reagiert radikal. Das ist eindrücklich, auch wenn man sich fragt, warum es für diese Selbstfindung gerade Ballett braucht, das ja geradezu klischiert weiblich konnotiert ist. Dhont: «Für mich ist das passend für ein Transmädchen, weil Ballett weib­liche Grazie in Perfektion zeigt.» Absolut verdient gab es in Cannes die Goldene Kamera für das beste Erstlingswerk und am ZFF die Auszeichnung für den besten internationalen Spielfilm.

In diversen Kinos

Erstellt: 20.10.2018, 10:47 Uhr

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