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Literatur und Blowjob

Der Film «Double Vies» von Olivier Assayas spielt im Verlagswesen. Doch seine Figuren haben nicht nur Bücher im Sinn.

Selena (Juliette Binoche) will, dass ihr Mann (Guillaume Genet) den Roman ihres Liebhabers veröffentlicht.
Selena (Juliette Binoche) will, dass ihr Mann (Guillaume Genet) den Roman ihres Liebhabers veröffentlicht.

«Was sagen Sie zu der Debatte über Ihr Buch, die zurzeit im Internet tobt?», wird der Schriftsteller Léonard (Vincent Macaigne) bei einer Lesung gefragt. «Hä? Was für eine Debatte?», ist seine Reaktion.

Der dickliche Autor mit dem ungepflegten Bart und einer Vorliebe für Schlabberpullover gehört ganz offensichtlich nicht zu den Leuten, die regel­mässig nachsehen, was im Netz über sie geschrieben wird. Dafür gehört er zu den Autoren, die keine Geschichten zu erfinden vermögen, sondern ihr eigenes Leben als Material verwenden.

Deswegen hat nicht nur Léonards Ex-Frau keine Freude an seinem letzten Roman. Auch seine gegenwärtige Geliebte Selena (Juliette Binoche) ist unzufrieden: «Warum kommt in dem Buch ein Blowjob während Hanekes ‹Das weisse Band› vor? Das war doch während ‹Star Wars: The Force Awakens›. Willst du dich so bei den Intellektuellen anbiedern?»

«Doubles vies», der neue Film von Olivier Assayas («Personal Shopper»), spielt im Verlagsmilieu. Immer wieder wird darüber diskutiert, wie man auf die Digitalisierung reagieren könnte: «Sollen wir gar keine Bücher mehr drucken? Wenn es sie nur noch als E-Books gäbe, würden wir eine Menge Kosten sparen», sinniert Verlagsleiter Alain (Guillaume Canet). Und die junge Laure (Christa Théret), die er als Spezialistin für Digitales angestellt hat, meint, die Kurztexte von Autor X könnte man doch in Form einer App publizieren.

Mindestens so sehr wie für Laures Ideen interessiert sich Alain aber auch für ihren Körper. Verheiratet ist er allerdings mit der Schauspielerin Selena, doch – wie erwähnt – die hat ja seit sechs Jahren was mit dem Schriftsteller Léonard, obschon der ja mit Valérie (Nora Hamzawi) verheiratet ist.

Kompliziert wird die Sache noch dadurch, dass Alain Léonards neuen Roman nicht veröffentlichen will, Selena sich aber für diesen starkmacht: Schliesslich kommt sie ja darin vor, auch wenn ihr Ehemann das noch nicht gemerkt hat.

Tweets hätten doch etwas sehr Französisches, wird einmal gesagt: Die Art, wie sie verbreitet würden, sei doch ganz ähnlich, wie man einst im Ancien Régime Bonmots weitererzählt habe. Auch «Doubles vies» ist sehr französisch: Es wird viel gevögelt – und noch viel mehr geredet.

Kosmos / Movie

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