«Natürlich lügt Maradona»

In «Diego Maradona» porträtiert der Regisseur Asif Kapadia den Fussballer. Uns erzählt er, was es Neues gibt.

Gefeierter Star: Diego Maradona in Neapel.

Gefeierter Star: Diego Maradona in Neapel.

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Wie war Ihre erste Begegnung mit Maradona?
Er lebte damals in Dubai, auf dieser künst­lichen Insel in Form eines Palmwedels. Zweites Blatt links. Wir hatten einen Termin, es hiess aber immer: Kommt morgen wieder. Als wir endlich zugelassen wurden, sagte er freundlich: Hallo, wir werden einen grossartigen Film drehen. Dann war das erste Treffen schon vorbei.

Er galt es bester Fussballspieler der Welt: Diego Maradona. Video: YouTube/DCM

Maradonas Leben ist gut dokumentiert, was hat Ihnen das Gefühl gegeben, etwas Neues beitragen zu können?
Die Erfahrungen mit meinen früheren Filmen. Auch über den Rennfahrer Ayrton Senna und die Sängerin Amy Winehouse glaubte man alles zu wissen. Aber dann fanden wir viel neues Material.

Das war auch bei Maradona so?
Ja, wir erhielten Zugang zu einem privaten Archiv. Der Unterschied war natürlich, dass er im Gegensatz zu Senna und Winehouse noch lebt. Deshalb konzentrierten wir uns auf seinen Lebensabschnitt in Neapel.

The Americas v Rest of the World, 1986: Nach dem entscheidenden Goal zieht Maradona eine Line Koks hoch (0:57). Video: YouTube/Buckleythewonderdog

Was ist daran speziell?
Er war 1984 der beste und teuerste Fussballer der Welt. Aber er ging nach Süditalien, zu einer Mannschaft, die noch nie irgendwas gewonnen hatte. Er hat die Neapolitaner stolz gemacht, ihnen den Meistertitel gebracht. Er hat sich aber auch von der Mafia hofieren lassen. Er hat begonnen, Kokain zu konsumieren.

Wie viel Filmmaterial hatten Sie?
Enorm viel. Er stand stets im Rampenlicht, wurde gefilmt, seit er ein zehn­jähriges Talent in Argentinien war. Schon nur seine Fussballspiele dauern Stunden.

Die haben Sie aber nicht alle angeschaut?
Doch, selbstverständlich. Vielleicht habe ich ein wenig gespult, wenn man sah, dass er nicht so motiviert war. Aber auch in solchen Partien weiss man nie, wann sein Genie aufblitzt.

Mochten Sie ihn am Ende?
Wenn man zwei Jahre mit einem Menschen im Schneideraum verbracht hat, bekommt man ein bizarres Verhältnis zu ihm. Auf der einen Seite ist er wie ein Freund, ständig präsent. Auf der andern versteht man gewisse Dinge nicht, zum Beispiel, dass er verleugnet, der Vater eines Kindes zu sein, das offen­sichtlich von ihm ist. Man will ihn schütteln: Weshalb lügst du?

Die Hand Gottes: Bei der Weltmeisterschaft 1986 nimmt Maradona die Hand zu Hilfe, um ein Tor zu erzielen. Video: YouTube/ClassicEngland

War sein berühmtes irreguläres Tor mit der «Hand Gottes» nicht auch eine Art Lüge?
Ach, kommen Sie, das gehört zum Geschäft. Wie oft fällt Neymar auf die Schnauze, um einen Penalty herauszuschinden? Der Trick mit der Hand war nichts Einmaliges, Maradona hat ihn öfter gemacht, manchmal ist er damit durch­gekommen, manchmal nicht.

Sagt er in Interviews die Wahrheit?
Natürlich lügt Maradona. Er hat sich eine beschönigende Lebensgeschichte zurechtgelegt, wie wir das alle tun. Unsere Schwierigkeit war, dass er den Umgang mit Medien gewohnt ist. Er lässt kurze Sätze fallen, die Journalisten gerne hören, nach dem Motto: Ich gebe euch jetzt etwas, dann lasst mich in Ruhe. Das war aber nicht das, was wir wollten. Es brauchte viel Geduld, um mehr herauszubekommen.

Riffraff
Langstrasse / Neugasse
18:20 Uhr, 21 Uhr, Do–Di 14:50 Uhr,
Fr / Sa 23:20 Uhr, So 12:10 Uhr
www.riffraff.ch

Erstellt: 04.09.2019, 17:29 Uhr

Asif Kapadia (47)

Er ist ein britischer Regisseur mit indischen Wurzeln. Er drehte zuerst Spielfilme, wurde 2010 mit dem Dokumentarfilm «Senna» über die Formel-1-Legende bekannt. «Amy» brachte ihm 2016 den Oscar ein.

Diego Maradona

Von Asif Kapadia, GB 2019, 130 Min.

1984: Der beste Fussballer der Welt geht nach Neapel, in eine Stadt, deren Club noch nie gewonnen hat. Im Stadion feiern alle den Argentinier, der sein Genie aufblitzen lässt. Und sich ausserhalb des Platzes benimmt wie ein Kind. Wie ­bekommt man das Leben des Maradona zu fassen, über den schon so viel gesagt und geschrieben wurde? Asif Kapadia versucht es mit der Methode, die sich bei seinen Filmen über den Rennfahrer Ayrton Senna («Senna») und die Sängerin Amy Wine­house («Amy») bewährt hat: Akribisch präsentiert er Archivmaterial, das er mit Interview­stimmen unterlegt. Das ist spannend, manchmal wünscht man dem Film aber etwas mehr vom Charakter des Porträtierten: weniger Fleiss, mehr Verspieltheit. (ml)

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