«Ich war eher wie Pippi Langstrumpfs ängstliche Freundin»

Ihre Bücher prägten Kinder mehrerer Generationen. Nun wurde Astrid Lindgrens Leben verfilmt. Eine Hommage an ihre Helden.

Eine der berühmtesten Lindgren-Figuren: Pippi Langstrumpf mit ihrem Äffchen Herr Nilsson.

Eine der berühmtesten Lindgren-Figuren: Pippi Langstrumpf mit ihrem Äffchen Herr Nilsson. Bild: Imago

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Pippi LangstrumpfDrei Bände, ab 1945

Sie machte sich die Welt, wie sie ihr gefiel – und wurde dadurch zu meiner Kindheitsheldin. Gerne wäre ich so unangepasst und mutig gewesen wie die Hauptfigur in Lindgrens erstem Roman. Doch im echten Leben war ich eher wie Pippis ängst­liche Freundin Annika. Mittlerweile hat sich das zwar geändert, doch mit Sätzen wie «Sei wild und frech und wunderbar» ist Pippi bis heute ein kleines bisschen meine Heldin. (aho)

Fast so berühmt wie Pippis Zöpfe ist die Melodie des TV-Intros: Trailer von Pippi Langstrumpf aus dem Jahr 1968. Video: YouTube/moviemag

MaditaDrei Bände, ab 1960

Das Mädchen wird von ihrer Mutter auch Margareta genannt, dann, wenn sie etwas angestellt hat. Und das kommt ziemlich oft vor. Sie ist aber auch die fürsorgliche grosse Schwester, welche die kleine Lisabet zu verrückten Abenteuern mitnimmt. Einmal klettern sie auf das Dach des Schuppens. Am Ende springt Madita mit dem Regenschirm vom Dach. Ein Mädchen, das glaubt, dass es fliegen kann. Als Kind konnte ich Madita nur zu gut verstehen. (moi)

Kalle Blomquist MeisterdetektivDrei Bände, ab 1946

«Blut! Daran gabs keinen Zweifel!» Gibt es in der Weltliteratur einen besseren ersten Satz? Tatsächlich hat sich Kalle einfach in den Finger geschnitten und betrachtet ihn nun durch die Lupe. Das Buch aus dem Jahr 1946 ist gespickt mit Anspielungen auf Detektivromane, ganz besonders diejenigen mit Sherlock Holmes. (bod)

Mio, mein Mio1954

Hinter dem unscheinbaren Cover jener Ausgabe, die meine Mutter aus einem Antiquariat mitbrachte, versteckt sich diese Geschichte übers Erwachsenwerden. Sie erzählt, wie Mio gegen den bösen Ritter Kato kämpft. Und sich dabei oft sehr fürchtet. Was aber okay ist, weil trotzdem alles gut werden kann, wenn man nur nicht aufgibt. (si)

Der Junge mit der Panflöte: Ausschnitt aus der Filmversion von «Mio, mein Mio». Video: YouTube/Jan Liekmann

Wir Kinder aus BullerbüSechs Bände, ab 1947

In Bullerbü gibt es drei Höfe, auf denen, neben Erwachsenen, sieben Kinder leben. Eines davon ist Lisa, die Erzählerin. Die Leser kriegen einen Einblick in die heile Kinderwelt auf dem Land so um 1915, begleiten die Kinder auf ihrem Schulweg, bei der Krebsjagd, begegnen dem griesgrämigen Schuster Herrn Nett, geniessen die Sprache Lindgrens und ihr Einfühlungsvermögen. Und erinnern sich auch sicher an Erlebnisse aus der eigenen Kindheit. (nia)

Drei Höfe, sieben Kinder und viele Abendteuer: «Wir Kinder aus Bullerbü». Video: YouTube/Adolf Reichert

Michel aus LönnebergaSechs Bände, ab 1963

Er ist dieser kleine schlaue Bub, der seiner Mutter so viele Sorgen bereitet, weil er tut, was er für richtig hält, egal, was die anderen denken. Das geht oft schief, aber noch öfter ist es mutig und tapfer und herzerwärmend. Hat man, wie ich, einen kleinen Lausbub zu Hause und liest ihm diese liebevoll geschriebenen Geschichten vor, kann es passieren, dass man das eigene Kind plötzlich ein bisschen mit anderen Augen sieht. (ish)

Ronja Räubertochter1981

Ronja? Nicht nur Räubertochter, sondern auch Wildpferdreiterin, Heilkraut­kennerin und Waldkobold­bändigerin, kurz: für ein Stadtkind mit wilder Seele das ideale Vorbild. Manchmal, beim Joggen, mit Winterluft in den Lungen und Silbersonne im Gesicht, fühle ich mich ganz kurz mit ihr verbunden. Wild und frei. Das Buch, mit viel Waldgrün auf dem Cover, halte ich in Ehren; der A-cappella-Räubergesang in der wundervollen Verfilmung jagt mir noch immer Schauer über den Rücken. Jedes Mal. (psz)

Karlsson vom DachDrei Bände, ab 1955

Er ist ein Egoist, ein Lügner, er ist arrogant und irgendwie recht unappetitlich, der Karlsson. Eine seltsame, unsympathische Figur. Wohl darin liegt ihr Reiz. Karlsson lebt Dinge, die Kinder untersagt werden. Und hat einen Propeller auf dem Rücken. (nia)

Der gemeine Junge auf dem Dach: Szenen aus «Karlsson vom Dach». Video: YouTube/AreaUda

Ferien auf Saltkrokan1964

Witwer Melcher macht mit seinen vier Kindern Ferien auf der Insel Saltkrokan. Was mir vom Buch und der gleichnamigen TV-Serie bleibt, ist weniger die Erzählung – sie plätschert wie die im Buch beschriebenen Sommertage dahin –, sondern der schwedische Lifestyle, den ich kennen lernte: Die Menschen gehen auch bei strömendem Regen baden, können alle fischen, wohnen in gemütlichen Holzhäusern, tragen sommers gemusterte Wollpullis und essen Fleischeintopf. (cs)

Die Kinder mögen die wilde Kräheninsel: «Ferien auf Saltkrokan». Video: YouTube/GermCollecT

Die Brüder Löwenherz1973

Als Mädchen konnte ich nicht verstehen, weshalb Astrid Lindgren die Brüder Löwenherz nicht leben liess. Ich sehnte mich so sehr nach einem Happy End, dass ich das Buch sofort wieder anfing – und den kranken Krümel und den mutigen Jonathan auferstehen liess. (evh)

Lotta aus der KrachmacherstrasseFünf Bände, ab 1958

Alleine wohnen und seinen eigenen Haushalt führen: Die Idee fand ich, als ich klein war, ebenso gut wie die fünfjährige Lotta in «Lotta zieht um». An diese elektrisierende Mischung aus Faszination und Angst kann ich mich heute noch erinnern. Und an das beruhigende Gefühl, wenn Lotta am Ende nach Hause zurückkehrt. (ish)

(Züritipp)

Erstellt: 08.12.2018, 18:37 Uhr

Über den Film «Astrid»

von Thomas Bodmer

«Ein Kinderbuch möbliert das Innere unseres Kopfs und bewirkt, dass es interessanter ist, darin zu leben», sagt eine, die es wissen muss: J. K. Rowling. «Ein Kinderbuch bevölkert das Innere unseres Kopfs mit Dingen, die wir den Rest des Lebens mit uns herumtragen können.» Die Schwedin Astrid Lindgren (1907–2002) hat die Köpfe unzähliger Kinder möbliert. Allein in deutscher Sprache beträgt die Auflage ihrer Bücher weit über 20 Millionen. Wie viel von
Lindgrens Büchern wir noch als Erwachsene mit uns herumtragen, davon zeugen die Tipps auf dieser Doppelseite.
Wer eine Autorin so gern hat wie Astrid Lindgren, möchte vielleicht mehr wissen über sie. Jetzt kommt «Astrid», die Filmbiografie von Pernille Fischer Christensen, in unsere Kinos. Erzählt wird darin, wie Astrid Ericsson, geboren in der Nähe der Kleinstadt Vimmerby, auf dem Pächterhof ihrer Eltern aufwächst, als Volon­tärin zur Lokalzeitung kommt und dort mit 18 Jahren vom unglücklich verheirateten Chefredaktor geschwängert wird.
Sie zieht nach Stockholm, lässt sich zur Sekre­tärin ausbilden und gebärt ihren Sohn in Kopenhagen, denn dort muss man nicht von Gesetzes wegen angeben, wer der Kindsvater ist. Lars wächst bei einer Pflegefamilie auf, seine Mutter arbeitet unterdessen beim Königlichen Automobil-Club, wo sie Sture Lindgren kennen lernt. Als Lars’ Pflegemutter erkrankt, bringt Astrid ihn zu ihren Eltern, heiratet Sture, mit dem sie die Tochter Karin hat, der sie, als diese krank ist, die Geschichte von Pippi Langstrumpf erzählt, die vier Jahre später als Buch erscheint.
All das wird im Film brav und schön bebildert, und Astrid-Darstellerin Alba August (Tochter des Regisseurs Bille August) ist wirklich hoch begabt. Aber wir bekommen nichts von dem mit, was den Reiz von Lindgrens Büchern ausmacht: von ihrer Frechheit, ihrem Fantasiereichtum und ihrer Originalität. Ein Lindgren-Buch kostet ungefähr so viel wie eine Kinokarte – und macht ein Leben lang Freude.

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