«Roubaix ist eine gewalttätige Stadt»

Arnaud Desplechin kehrt für «Roubaix, une lumière», der nominiert war in Cannes, zu seinen Wurzeln zurück.

Der Kommissar behelligt eine Verdächtigte: Roschdy Zem und Léa Seydoux in «Roubaix, une lumière».

Der Kommissar behelligt eine Verdächtigte: Roschdy Zem und Léa Seydoux in «Roubaix, une lumière».

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Hätten Sie den Film auch gedreht, wenn sich der Kriminalfall anderswo als in Roubaix ereignet hätte?
Niemals.

Niemals?
Nein. Ich wollte unbedingt in meine Geburts­stadt zurückkehren. In Roubaix hatte ich vor zehn Jahren «Un conte de Noël» gedreht, da stand eine bürgerliche Familie im Zentrum. Jetzt dagegen haben mich die rauen Seiten der Stadt interessiert. Da stiess ich auf diese Mörder­geschichte aus dem Jahr 2002, die meine Eltern total mitgenommen hat, als sie am Fernsehen präsentiert wurde. Sie geschah sozusagen vor unserer Haustür.

Der Film basiert auf einer TV-Doku?
Ja, die Vorlage heisst «Roubaix, commissariat central». Eigentlich wollte ich gar nichts hinzufügen, viele Dialoge zum Beispiel sind den Polizeiprotokollen entnommen. Alles ist wahr.

Sie lachen, wenn Sie das sagen. Ist wirklich alles wahr?
Nun gut, ich habe versucht, die Fiktion aus meinem Film rauszuschmeissen. Aber sie ist zum Fenster wieder reingeklettert.

Das heisst?
Ich musste schon Anpassungen machen. Aber ich versuchte, mit dem rohen Ausgangsmaterial so umzugehen, als ob es Shakespeare wäre. Oder Balzac. Roubaix ist eine gewalttätige Stadt, das war schon so, als ich ein Kind war. Das hat mit dem Niedergang der Textilindustrie zu tun, der grossen Arbeitslosigkeit im Norden Frankreichs. Es gibt Gegenden, da getraute ich mich früher nie hin. Dort wollte ich drehen.

«Das war ein hysterisches Symptom, eine perfekte Vorlage für Sigmund Freud.»Arnaud Desplechin, Regisseur

Es geht um einen brutalen Mord, aber Sie zeigen praktisch keine Gewalt.
Mir ist es immer noch zu viel. Es gibt eine Szene, in der der Kommissar verlangt, dass eine der Mörderinnen ihm zeigt, wie sie die alte Dame erwürgt hat. Am Morgen dieses Drehtages bin ich aufgewacht, und mein Arm war tot, ich konnte ihn nicht mehr bewegen. Das war ein hysterisches Symptom, eine perfekte Vorlage für Sigmund Freud.

Ihr Filmkommissar ist beinahe ein Heiliger.
Das entspricht der Wirklichkeit. Er hat eine dunkle Vergangenheit, aber jetzt verkörpert er das Licht, das im Filmtitel angesprochen wird.

Arnaud Desplechin hat einen Mord aus seiner Heimatstadt verfilmt: «Roubaix, une lumière». Video: Youtube/Xenix Film

Auf Englisch heisst der Film ganz anders: «Oh Mercy».
Ja, «Roubaix, a Light» hätte nicht funktioniert, das sagten mir alle meine Englisch sprechenden Freunde. Auf Französisch würden mich Wörter wie «Gnade» oder «Erbarmen» im Titel stören. Aber «Oh Mercy» fand ich perfekt. Natürlich auch, weil es ein Album von Bob Dylan mit diesem Titel gibt.

Schon in Ihrem letzten Film «Les fantômes d’Ismaël» gab es ein Dylan-Lied, zu dem die Protagonisten tanzten.
Bob Dylan ist Gott für mich. Darüber habe ich mich oft mit meinem Hauptdarsteller Roschdy Zem gestritten, denn für ihn gibt es nur einen Musikgott: Bruce Springsteeen. Zum Glück habe ich ein Zitat gefunden, das uns versöhnte.

Welches Zitat?
Springsteen sagte sinngemäss, Elvis Presley habe den Körper befreit, Bob Dylan aber den Kopf. Das hat uns beiden eingeleuchtet.


Roubaix, une lumière
Von Arnaud Desplechin, F 2019, 121 min.

Weihnachtsabend in Roubaix. Kommissar Daoud (Roschdy Zem) muss aus­rücken, weil eine alte Frau ermordet worden ist. Schnell geraten zwei Nachbarinnen ins Visier der Ermittlungen, aber können die Süchtigen (Léa Seydoux, Sara Forestier) wirklich eine so brutale Tat begangen haben? Regisseur Arnaud Desplechin ist bekannt für ausschweifende Fantastereien. Jetzt ist er in seine Geburtsstadt Roubaix zurückgekehrt, aber er erzählt ganz anders: Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit und der TV-­Doku, die darüber gedreht wurde. Schrittweise rollt Desplechin den Fall auf, wobei vor allem das Verhör als Methode der Wahrheitsfindung im Zentrum steht. Hervorragend gespielt und brutal geradlinig. (ml)

Arthouse Movie, Nägelihof

Erstellt: 20.10.2019, 10:29 Uhr

Arnaud Desplechin

Der 58-Jährige wurde 1996 mit einem Film bekannt, bei dem schon der Titel eigenwillig ist: «Comment je me suis disputé …(ma vie sexuelle)». Seither gehört er zur ersten Garde der französischen Regisseure. Seine Filme haben oft autobiografische Züge.

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