Legendärer als Federer-Nadal

Tennis hat es schwer im Kino. Aber das ZFF zeigt nun zwei Filme, die den Sport präzise einfangen: Das ­Drama «Borg/McEnroe» und die Komödie «Battle of the Sexes».

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Wird eine Sexszene gedreht, verlangen Schauspieler gerne ein «closed set» – das heisst, nur wer dringend gebraucht wird, darf sich am Drehort aufhalten. Der schwedische Star Stellan Skarsgård hat das auch einmal getan. Aber nicht weil er prüde ist, sondern weil er Tennis spielen musste, und zwar für die John-le-Carré-Verfilmung «Our Kind of Traitor» (2016): «Ich hatte mich mit einem Trainer intensiv darauf vorbereitet», erzählte er . «Aber als dann gedreht werden sollte, stand ich wie ein Depp auf dem Platz.» So ist es. Man kann üben, wie man will. Auf dem Sportplatz sieht man, auch als begnadeter Schauspieler, wie ein Anfänger aus. Das ist einer der Gründe, wieso es so wenig gute Ballsportfilme gibt. Tennis? Fussball? Ist im Kino nie so packend wie bei der Live-Übertragung am Fernsehen. Und doch wird es immer wieder versucht. Nur zwei Jahre nach seinem Tennisdebakel steht auch Skarsgård erneut auf dem Platz. Diesmal aber nicht als Spieler: Er verkörpert den Trainer der Tennislegende Björn Borg.

Rock ’n’ Roll gegen Nordische Stille

«Borg/McEnroe» heisst das Sportdrama, das diese Woche das Zurich Film Festival eröffnet. Im Zentrum steht die Rivalität zwischen dem heissblütigen Amerikaner John McEnroe und dem kühlen Schweden Borg. Sie gipfelte 1980 in einem epischen Wimbledon-Final, von dem es heute noch heisst, er sei der beste gewesen in der Geschichte des Turniers: Feuer gegen Eis. Rock ’n’ Roll gegen nordische Stille. Jugend (McEnroe war 21-jährig) gegen Routine (obwohl Borg nur drei Jahre älter war, aber bereits vier Wimbledon-Titel im Sack hatte). Erst 2008 gab es, mit Federer gegen Nadal, wieder ein derart packendes Endspiel.

Auch dasjenige von 1980 ging über die volle Distanz von fünf Sätzen. Und in fünf Sätzen kann man Folgendes festhalten: «Borg/McEnroe» bleibt spannend bis zum Schluss, auch wenn man den Ausgang kennt. Der Film blickt tief in die Seele der Spieler. Er weist weit über den Sport hinaus. Er besticht als nostalgisches Zeit­dokument. Und er zeigt tatsächlich ein paar gut gespielte Ballwechsel.

Das ist nicht selbstverständlich, denn genau daran scheitern Tennisfilme oft. Es gibt zum Beispiel eine harmlose Kirsten-Dunst-Komödie namens «Wimbledon» (2004), deren Tennis­szenen kaum das Niveau eines Drittliga-Interclubspiels erreichen. Es gibt den herausragenden Woody-Allen-Film «Annie Hall» (1977), dessen wichtige Tennisszenen sich aber in der Garderobe abspielen. Und es gibt den Horrorfilm «Tennis Court» (1985), dessen Inhaltszusammenfassung lustiger ist als der Film selber: Wild gewordene Tennisbälle attackieren Menschen.

«Borg/McEnroe» nimmt die Sportart ernst. Der Titel aber ist irreführend: Im Zentrum der skandinavischen Produktion steht der von Sverrir Gudnason gespielte Björn Borg. Wir sehen, was für ein heissblütiger Junge er war, und erleben seine Domestizierung. Bei John Mc­Enroe dagegen gibt es nur wenige Kindheitsszenen. Dafür wird der erwachsene Amerikaner von Holly­wood-Rüpel Shia LaBeouf gespielt, der mit irrem Blick und Zornesausbrüchen überzeugt.

Aber auch erwachsen steht Borg im Zentrum. Es geht um seine Zweifel als Weltstar, die schliesslich zu seinem Rücktritt mit nur 26 Jahren führten. In einer vielsagenden Szene steht er auf dem Balkon seiner Luxuswohnung in Monaco, weit unten, ganz klein, ein Schwimmbad. Langsam stemmt er sich am Geländer hoch. Will er in den Tod springen? Macht er nur Kraftübungen? Da ist viel im Bild – ganz ohne Ballwechsel.

Auch dafür gibt es Vorbilder in der Film­geschichte: Michelangelo Antonioni beendete sein «Swinging Sixties»-Meisterwerk «Blow up» (1966) mit einer Partie ganz ohne Ball und Schläger. Der französische Komiker Jacques Tati erfand für «Les vacances de Monsieur Hulot» (1953) eine wundersame Aufschlagbewegung. Und Alfred Hitchcock präsentierte in «Strangers on a Train» (1951) einen Tennisfinal als Wettlauf gegen die Zeit.

Kampf Mann gegen Frau

Inspiriert habe ihn das Bild vom Tennispublikum, sagte Hitchcock dazu: Alle drehen, dem Ball folgend, den Kopf hin und her, aber dazwischen sitzt einer, der unbeweglich bleibt. Solche visuellen Einfälle machen die Qualität eines Tennisfilmes aus. Und so etwas gibt es auch in «Battle of the Sexes», in dem das entscheidende Duell in Form einer histo­rischen TV-Übertragung inszeniert wird.

Auch in diesem Tennisfilm, mit dem das ZFF sein Programm beendet, geht es um eine historische Partie: 1973 forderte der in die Jahre gekommene ehemalige Wimbledon-Champion Bobby Riggs die beste Tennisspielerin heraus, in der Meinung, als Mann habe er leichtes Spiel gegen sie. Aber weit gefehlt, Billie Jean King kämpfte für sich (es ging um 100 000 Dollar), für die Anerkennung der Frauen in der Sportart (die erhielten damals achtmal weniger Preisgeld als Männer) und auch ein wenig für die Freiheit ihrer sexuellen Orientierung (sie hatte sich gerade in ihre Coiffeuse verliebt).

Daraus hat das Regie-Ehepaar Jonathan Dayton und Valerie Faris («Little Miss Sunshine») eine leichte Komödie mit ernsten Untertönen gemacht. Oscargewinnerin Emma Stone (in ihrer ersten Rolle nach «La La Land») und Komiker Steve Carell als Grossmaul Riggs überzeugen vor allem neben dem Platz. Die Leinwand-Ballwechsel werden kurz gehalten, dafür gibt es viel 70er-Zeitgeist. Das wirkt natürlich nostalgisch. Aber es gibt durchaus Parallelen zu den USA von heute. «Stellt euch vor, Hillary und Trump würden ihre Rackets schwingen», schrieb der «Rolling Stone». So kann man das sehen. Auch wenn in diesem Match der Mann gewonnen hat.

«Borg/McEnroe» von Janus Metz; S / DK / FIN 2017, 108 Min. Fr 29.9., 18.30 Uhr, Corso 1; Mi 4.10., 18.45 Uhr, Arthouse Le Paris; Fr 6.10., 20.45 Uhr, Arena 4. Ab Do 12.10. im Kino.

Battle of the Sexes von Jonathan Dayton und Valerie Faris; USA / GB 2017, 122 Min. So 8.10., 18.15 Uhr, Corso 1; So 8.10., 20 Uhr, Corso 2. Ab Do 23.11. im Kino.

Erstellt: 28.09.2017, 09:12 Uhr

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