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Es regnet Embryos

Politkino trifft auf Splattermusical: Noch bis Sonntag gibt es in Winterthur Kurzfilme zu sehen.

In «Dirty Bitch» startet eine junge Frau einen blutigen Rachefeldzug.
In «Dirty Bitch» startet eine junge Frau einen blutigen Rachefeldzug.

Ein wunderschöner Filmtitel, der eine direkte Verbindung von Politik und Kunst herstellt: «Revolutions Happen Like Refrains in a Song». Genau darum geht es auch in dem Film selbst: Nick Deocampo, einer der wichtigsten philippinischen Independentregisseure, hat ihn 1987 gedreht, ein Jahr nachdem die Marcos-Diktatur, die sein Heimatland eineinhalb Jahrzehnte lang in ihrem Griff hatte, durch einen Volksaufstand beseitigt wurde. Es finden sich darin denn auch eindrückliche Bilder von Demonstrationen in den Strassen Manilas, aber die sind für Deocampo nur der Ausgangspunkt eines Filmessays, der stets gleichzeitig biografische Selbstbefragung und Porträt einer Nation im Umbruch ist.

Aufnahmen in schwulen Nachtclubs stehen neben Fotografien aus Deocampos Kindheit, Reise­impressionen aus Berlin und Paris neben Einblicken in das Leben in den Armenvierteln der philippinischen Grossstädte. Zu zeigen, dass das keine getrennten Erfahrungsbereiche sind, dass alles miteinander zu tun hat und auch mit uns, die wir im Kino sitzen: Das ist das Verdienst eines wundervollen Films, der so etwas wie das heimliche Zentrum des diesjährigen Grossen Fokus der 21. Kurzfilmtage Winterthur darstellt. «Tropical Views» präsentiert das Kino Südostasiens, eine Kinoregion, von der man im Alltagsbetrieb kaum etwas mitbekommt, in der in den letzten Jahren aber eine aussergewöhnlich vielseitige Filmszene entstanden ist.

Selbst Filmexperten kennen da für gewöhnlich höchstens ein paar Namen, zum Beispiel den des Thailänders Apichatpong Weerasethakul (der Regisseur von «Cemetery of Splendour» ist mit zwei Kurzfilmen in Winterthur vertreten) oder den des Philippiners Lav Diaz («From What Is Before»). Aber die Szene ist deutlich grösser, gerade im Kurzfilm. Die Verbreitung digitaler Film- und Distributionstechnik hat in einer Region, in der es früher nur sehr wenige Möglichkeiten gab, unabhängig Filme zu realisieren, eine neue Welle von Regisseurinnen und Regisseuren hervorgebracht, die ihre Arbeiten komplett ausserhalb der lokalen Filmindustrie realisieren. Eine dieser Einzelkämpferinnen ist die Thailänderin Pimpaka Towira, der in Winterthur zwei Programmblöcke gewidmet sind. Towira ist mit ihren elegant gefilmten und gleichzeitig messerscharf analytischen Minispielfilmen zu einer der wichtigsten Chronistinnen der seit Jahren schwelenden bürgerkriegsartigen Unruhen in ihrem Land geworden.

Das Besondere an Kurzfilmfestivals ist aber natürlich, dass da auf engem Raum ganz unterschiedliche Filme aufeinandertreffen. Und so hat auch der Südostasien-Fokus beileibe nicht nur nachdenkliches Politkino zu bieten. Die in der gesamten Region extrem beliebten Genre- und insbesondere Horrorfilme bringen andere Tonlagen ins Spiel. Zum Beispiel in «Dirty Bitch» von Sun Koh, einem, so könnte man das vielleicht beschreiben, experimentellen Splattermusical aus Singapur, in dem eine junge, schwangere Frau einen blutigen Rachefeldzug gegen den Rest der Welt startet. Dort regnet es am Ende Embryos, und die Hauptdarstellerin beginnt auf Französisch zu rappen.

Di 7. bis So 12.11, Winterthur. www.kurzfilmtage.ch Festivalzentrum im Casinotheater, Stadthausstr. 119. Di 18–20 Uhr, Mi–So ab 10 Uhr

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