Übers Wasser wie einst Jesus

Ein Filmteam hat Christo bei seinem Projekt «Floating Piers» begleitet. Besonders sympathisch wirkt der Künstler nicht.

Nicht nur für Christo (r.) war das Grossprojekt nervenaufreibend.

Nicht nur für Christo (r.) war das Grossprojekt nervenaufreibend.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Den Pont Neuf in Paris, die Kunsthalle Bern, den Berliner Reichstag, die Stadtmauer Roms: Christo und seine Partnerin Jeanne-Claude haben schon vieles verhüllt. 2016 hat Christo, dessen Partnerin 2009 verstarb, ein Projekt umgesetzt, an dem er seit Jahren arbeitete: ein Weg aus Stoff, der übers Wasser führt, begehbar für die Öffentlichkeit. «Floating Piers» wurde auf dem norditalienischen Lago d’Iseo Realität.

Das Projekt wurde von einem Filmteam begleitet. Es war dabei, als Christo die für ihn typischen Wachskreidepläne fertigstellte, als er lokale Politiker traf und Schulen besuchte. Als bei stürmischem Wetter der drei Kilometer lange und mit über 70 000 Quadratmetern orangem Stoff überzogene Pier installiert wurde.

Dokumentiert ein Kunst-Grossprojekt: «Walking on Water» von Andrey Paounov. Video: YouTube/mythenfilm

Und, als alle mit dem Besucherauflauf überfordert waren: Rund eine Million Menschen wollten übers Wasser gehen. Die Kamera des bulgarischen Regisseurs Andrey Paounov hielt all diese turbulenten Tage und Wochen fest, wie eine Art stiller Zeuge. Denn Infos aus dem Off fehlen ebenso wie direkte Aussagen der Protagonisten.

Der Klischee-Künstler

Besonders sympathisch wirkt Christo im Film nicht. Mit seinen regelmässigen Wutausbrüchen und seiner Eigenbrötelei nährt er den jahrhundertealten Mythos des genialen, aber eben auch etwas verrückten Künstlers. Selbst mit seinen 83 Jahren verfolgt er seine Vision mit eisernem Willen. Und an Ideen mangelt es ihm nicht.

Gleich nach «Floating Piers» begann Christo mit der Arbeit an seinem nächsten Megaprojekt: «The Mastaba» im Londoner Hyde Park, einer schwimmenden Skulptur in Form eines altägyptischen Grabes. Mit dem friedlichen Bild von Christo in der nordafrikanischen Wüste endet der Film. Um diese letzten Szenen mit einem für einmal ruhigen Christo ist man nach den rund hundert vor­herigen lauten, chaotischen und leider etwas langwierigen Minuten beinahe froh.

Arthouse Movie
Nägelihof
18:20 Uhr, So / Mo 11:40 Uhr
www.arthouse.ch

(Züritipp)

Erstellt: 17.04.2019, 15:21 Uhr

Artikel zum Thema

«Das wird mich selbst dann noch frustrieren, wenn ich tot bin»

Julian Schnabel hat einen Film über van Gogh gedreht. Berühmt ist er aber für seine Malerei – die noch missverstanden werde. Mehr...

Wenn Trägheit eine Tugend ist

Das Regiedebüt des Schauspielers Jonah Hill ist eine Ode ans Skaten. Er reflektiert in Mid90s seine Jugendzeit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 15 Stylingideen für das Bad

Tingler Schöne Grüsse

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...