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Wenn die Hitze die Existenz bedroht

«Le milieu de l'horizon» erzählt die Geschichte einer Familie, die im Rekordsommer 1976 nicht nur mit der Hitze kämpft.

Laura Hohler
Entsorgen Hühner, die den Hitzetod starben: Gus (Luc Bruchez) und sein Vater (Thibaut Evrard).
Entsorgen Hühner, die den Hitzetod starben: Gus (Luc Bruchez) und sein Vater (Thibaut Evrard).

Sommer 1976 – als ganz Europa von einer Hitzewelle heimgesucht wird, gerät die heile Welt der Schweizer Bauernfamilie Sutter langsam aus den Fugen. Der dreizehnjährige August, genannt Gus (Luc Bruchez), lernt dabei auf schmerzliche Art und Weise, was es heisst, erwachsen zu werden. Die Felder trocknen aus, das Wasser wird immer knapper, von Tag zu Tag fallen mehr Hühner den Temperaturen zum Opfer und ver­enden qualvoll im Stall.

Schwelender Konflikt

In der Familie liegen die Nerven blank, die Reibereien häufen sich. So zum Beispiel, weil sich Gus’ ältere Schwester Lea (Lisa Harder) dem Geigenstudium widmet, während er selbst, der geistig zurückgebliebene Cousin Rudy (Fred Hotier) und der Vater Jean (Thibaut Evrard) auf dem Hof anpacken müssen. Der Junge verbringt seine Sommer­ferien schweissgebadet und übel­launig, ange­ekelt von den verwesenden Tieren, bei deren Entsorgung er helfen muss.

Jean, der einerseits ein guter Vater sein will, andererseits aber schnell die Geduld verliert, stellt fest, dass seine Existenz und seine Ehe den Bach runterzugehen drohen. Seine unglückliche Gattin Nicole (Laetitia Casta) beginnt eine Affäre mit der freigeistigen Cécile (Clémence Poésy), die sie ihrer Familie am Anfang noch als gute Freundin vorstellt.

Ausgerechnet Gus entdeckt jedoch den Betrug seiner Mutter, als er sie und Cécile zufällig im Wald beobachtet. Verletzt wendet er sich von ihr ab. Hin- und hergerissen zwischen Wut, Verunsicherung und kindlicher Naivität, versucht er sich zu behaupten. Zur gleichen Zeit entdeckt er mit einem Pornoheftchen seine eigene Sexualität.

Psychische und physische Grenzen

Die Westschweizer Regisseurin Delphine Lehericey («Puppylove») treibt ihre Figuren an psychische und physische Grenzen. Sie hält sich dabei weitgehend an die Vorlage von Roland Butis gleichnamigem Roman, der 2014 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Lehericey überträgt die Dramatik des Buchs auf die Kino­leinwand: Die schwelenden Konflikte zwischen den Familienmit­gliedern ebenso wie die allgegenwärtige Hitze visualisiert sie mit bildstarken, oft langen Kameraeinstellungen.

Aber trotz der tragischen Ereignisse und Existenzängste lebt «Le milieu de l’horizon» auch von leichten, heiteren Szenen. So bringt Nicoles Freundin Cécile ihre positive Art und enorme Lebenslust in das Wohnzimmer der Sutters: Singend, lachend und Wein trinkend erlebt die Familie einen glücklichen Abend – ein Moment, der jedoch nur von kurzer Dauer ist.

Houdini Badenerstr. 173 11.40 Uhr, 16.10 Uhr, 18.30 Uhr, 21.20 Uhrwww.kinohoudini.ch

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