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Wenn Trägheit eine Tugend ist

Das Regiedebüt des Schauspielers Jonah Hill ist eine Ode ans Skaten. Er reflektiert in Mid90s seine Jugendzeit.

Die besten Stunts werden mit der Kamera festgehalten.
Die besten Stunts werden mit der Kamera festgehalten.

Abenddämmerung, die Helden sind müde geworden. Ein paar Kids schlingern in der Mitte der Strasse auf ihren Skateboards, links und rechts ziehen Autos vorbei, die die Erwachsenen von der Arbeit nach Hause bringen, die mittlere Spur ist für die Skater reserviert. Das sind die Aussichten für diese Kids: Sie sind mitten im Leben dabei, aber immer abseits, für sich.

Auch Stevie (Sunny Suljic), 13 Jahre alt, will nicht länger vom Rand her zuschauen, will mit­machen beim Skaten. Will die Anerkennung der Street Kids von Los Angeles erringen, ihre Freundschaft. Will mit ihnen das Terrain zum Üben und zum Demonstrieren ihrer Kunst verteidigen, gegen das Geschimpfe der Laden­besitzer oder der Wächter, die böse zetern, wenn die Kids ein­gezäunte Plätze nicht räumen wollen.

Fuckshit wird einer von Stevies neuen Freunden genannt – weil er ständig die beiden Wörter verwendet – und Fourth Grade ein ande­rer – weil er nicht weiter wirkt als ein Viertklässler –, und Stevie heisst bald Sunburn. Die Jungs rauchen und nehmen Drogen, verwenden Ausdrücke wie nigger oder bitches oder faggot. Es ist eine Welt für sich, unter der rauen Oberfläche spürt man gewaltige Sensibilität. Wenn Stevie abends nach Hause geht, wechselt er das verrauchte Hemd.

Lange lebt er in zwei völlig verschiedenen Welten, zu Hause und auf der Strasse. Das Zimmer von seinem grossen Bruder Ian (Lucas Hedges) ist off limits für ihn, es ist ihm strikt untersagt, es zu betreten, also stiehlt sich Stevie hinein, sobald der Bruder das Haus verlässt. Es ist, anders als viele Teenagerhöhlen, unglaublich auf­geräumt, sauber geklebte Bilder an der Wand, alles hat seinen Platz, die CDs und die DVDs. Ein Raum der Andacht.

Schauspieler hinter der Kamera

Jonah Hill, Jahrgang 1983, wurde in Hollywood sozialisiert. In der Truppe des ruppigen Komödienmeisters Judd Apatow («Knocked Up») lernte er, bürgerliche Normen ad absurdum zu führen. Das erledigte er dann mit grösster Hingabe als «Bad Sitter» im Film von David Gordon Green oder als Kumpan von Leonardo DiCaprio, dem «Wolf of Wall Street» für Martin Scorsese. Bei «21 Jump Street» und «22 Jump Street» war Hill auch am Drehbuch mitbeteiligt. In «Mid90s», seinem ersten Film als Regisseur, reflektiert er seine eigene Jugend. Es ist ein schöner, zurückhaltender, fast keuscher Film.

Das Skaten, das für nächstes Jahr als olympische Disziplin zugelassen ist, war in den Neunzigern, daran erinnert Hill ausdrücklich, noch stark diskreditiert und verachtet, und sein Film zeigt, wie es sich mit dem Hip-Hop zusammen allmählich entwickelt hat. Die freche Selbst­sicherheit der Skater hat eine lange Tradition, die zurückreicht bis zu den Strassenjungen in den Romanen von Charles Dickens oder Victor Hugo.

Skaten als Nebensache

Wer nicht viel zu verlieren hat, ist frei in seinem Handeln. Man glaubt immer, sein eigenes Leben sei beschissen, meint Stevies neuer Freund Ray, verkörpert vom klasse Skater Na-Kel Smith, aber dann würde man doch mit keinem anderen tauschen wollen. Jonah Hill ist ein liebevoller Beobachter, er macht aus der Lässigkeit, der Trägheit eine kreative Tugend. Er ist kein Moralist. Das Skaten ist keine wirklich dynamische, mitreissende Kunst in diesem Film, eher Stückwerk, lauter singuläre Stunts, die sich nicht zur grossen Bewe­gung vereinen und von Einsamkeit zeugen.

Riffraff Langstrasse / Neugasse Do–Mi 14.40 Uhr, 16.40 Uhr, 18.40 Uhr, Do 21.10 Uhr, Mi–Fr 21 Uhr, Fr / Sa 23.10 Uhrwww.riffraff.ch

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