Wie die Erklimmung dreier Eiffeltürme

Alex Honnold durchsteigt als Erster die 1000 Meter hohe Felswand am El Capitan. «Free Solo» zeigt sein waghalsiges Projekt.

Jeder Fehlgriff wäre tödlich: Alex Honnold am El Capitan.

Jeder Fehlgriff wäre tödlich: Alex Honnold am El Capitan.

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Da dreht sich ein Film 100 Minuten lang um eine einzige grosse Kletter­tour, gewinnt dafür sogar den Oscar als beste Doku. Dabei fehlt ein ­Element, das bei einem Kletterfilm doch Pflicht sein müsste: der Cliffhanger. Im Fall von «Free Solo» ist es aber gut, dass dieser Spannungshöhepunkt fehlt, dass Alex ­Honnold in keinem Moment so dramatisch nur an einer Hand über dem Abgrund hängt, wie das schon Sylvester Stallone vor­machte. Denn Honnold ist kein Filmstar mit Stuntdouble und Sicherungsnetz. Sondern einer der weltbesten Kletterer. Wenn er ­klettert, schiebt sich der Zuschauer kein Popcorn in den Mund. Sondern hält die Luft an.

Auf den Spuren des Extremkletterers: «Free Solo». Video: YouTube/National Geographic

Denn er begleitet Honnold bei einem wahnwitzigen Vorhaben: Der 33-jährige Amerikaner will die Felswand El Capitan im kalifornischen Yosemite-Nationalpark «free solo» durchsteigen. Sprich: ohne Seil, ohne Sicherung. Einfach nur mit Händen und Füssen diese fast einen Kilometer hohe, senkrechte Wand hochklettern. Das Zuschauerhirn droht hier schon überfordert auszusetzen. Wie hoch sind 1000 Meter vor dem inneren Auge? Ziemlich genau drei aufeinandergestapelte Eiffeltürme.

Macht der Vergleich das Vorhaben fürs Hirn nachvollziehbarer? Nicht wirklich. Dessen ist sich das Filmer-Ehepaar Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin bewusst und portioniert deshalb die Wand fürs Publikum in Häppchen von einer Grösse, die auch für Nicht-Kletterer verdaubar ist. Wir steigen ein ums andere Mal mit Honnold in die Wand, begleiten ihn, wie er die Schlüsselstellen klettert, noch angeseilt, wie er zweifelt und Lösungen findet.

Eindrückliche, ja furchterregende Bilder aus dem Entstehungsprozess des Filmes «Free Solo»: «Free Solo 360» zeigt die Rundumsicht. Video: YouTube/National Geographic

Am Schluss glauben wir fast zu wissen, wie El Capitan zu bezwingen ist, so sehr haben auch wir uns die einzelnen Griffe eingeprägt. Nur dass beim Zuschauer im Sessel nicht das Leben davon abhängt, ob er die Felskuppe auch tatsächlich zu fassen kriegt.

Warum tut sich einer das an? Der Film versucht Erklärungen zu liefern, aber es bleibt beim Versuch, weil diese Nähe am sprichwörtlichen Abgrund wohl kaum nüchtern erklärbar ist. Deutlich wird jedoch: Honnold hat keine Todessehnsucht, aber ein Verlangen nach dieser Herausforderung, das er nicht bremsen kann oder will. Zumindest wird klar, woher dieses kommt: Als Knabe war er zu scheu, um Kletterpartner anzusprechen. Also bezwang er die Wände eben alleine.

Le Paris / Piccadilly

Erstellt: 10.04.2019, 14:40 Uhr

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