Zerfall einer Durchschnittsfamilie

Carey Mulligan ist in «Wildlife» grandios als Hausfrau, deren Familie zerbricht.

Muss ihre Familie allein über Wasser halten: Jeanette (Carey Mulligan).

Muss ihre Familie allein über Wasser halten: Jeanette (Carey Mulligan).

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Einmal, da tanzt Hausfrau Jeannette (Carey Mulligan) herausgeputzt in einem grünen Abendkleid im Haus eines älteren Herrn (Bill Camp). Sie nennt ihre Aufmachung Dress of despair, ihr Kleid der Verzweiflung. Er zieht lüstern an der Zigarre. Jeannettes 14-jähriger Sohn Joe (Ed Oxenbould) muss alles mitansehen. Zuvor hat Vater Jerry (Jake Gyllenhaal) den Job ver­loren, daraufhin seinen Stolz, und die Familie verlassen, um an der nahen kanadischen Grenze Waldbrände löschen zu helfen. Also muss die Mutter die Familie über Wasser halten.

Später an jenem Tanzabend geht Jeannette noch einmal zurück ins Haus des älteren Herrn. Sohn Joe schleicht ihr nach, versucht von aussen zu sehen, was sie drinnen tut. Fast quälend langsam schwenkt dafür die Kamera der Hauswand entlang zum nächsten Fenster, um dann Joes Gesicht in der Nah­aufnahme zu zeigen. Seine blauen Augen sind weit aufgerissen vor Schreck, Ekel spiegelt sich darin.

Grandiose Carey Mulligan: «Wildlife». Video: YouTube/Praesens Film

Dem US-Schauspieler Paul Dano («12 Years a Slave») gelingt mit seinem Regiedebüt eine sorgfältig inszenierte Geschichte über den Zerfall einer Durchschnittsfamilie in den USA der 60er-Jahre. Als Vorlage dient ihm das gleichnamige Buch von Richard Ford. Die Gefühle der Figuren werden dabei nur selten in Worte gefasst, meist reicht ein Blick. Bis auf eine übertrieben dramatische Szene gegen Ende ist das ein Spiel mit Andeutungen. Und dann sind da die ausgezeichneten Schauspieler.

Erzählt wird zwar aus der Optik des 14-Jährigen, aber es ist ganz klar Mulligans Film. Ihr Spiel als gleichermassen verzweifelte wie trotzig-mutige Frau ist eine Wucht. Zusammen mit der präzisen Bildsprache entsteht so ein atmosphärisch dichter Film, an dessen Bildern wir uns kaum sattsehen können.

Kosmos / Movie

(Züritipp)

Erstellt: 10.04.2019, 14:21 Uhr

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