Corbusiers bunter Stahlbau ist wieder offen

Weshalb der Pavillon Le Corbusier so oft für Schlagzeilen sorgte und weshalb er für Zürich wichtig ist.

Von aussen ist dem Haus an der Höschgasse 8 die Renovation nicht anzusehen: der Pavillon Le Corbusier.

Von aussen ist dem Haus an der Höschgasse 8 die Renovation nicht anzusehen: der Pavillon Le Corbusier. Bild: ZHdK/zvg

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Mit seiner markanten, schwarzen Brille blieb und bleibt er auch jenen im Gedächtnis, die sonst wenig mit Architektur anfangen können: Charles-Edouard Jeanneret-Gris, wie der Schweizer Architekt Le Corbusier gebürtig hiess. Einen ähnlich grossen Wiedererkennungswert hat sein farbiges Stahlhaus am rechten Zürichseeufer nahe des Chinagartens.

Die meisten Zürcherinnen und Zürcher kennen das Gebäude vom Sehen – oder aus der Presse, die jahrelang über den schwelenden Konflikt zwischen der Stadt Zürich, der das Gebäude heute gehört, und Heidi Weber, der Bauherrin, berichtete. Vergessen ging dabei irgendwann, weshalb der Pavillon überhaupt von Bedeutung ist – architektonisch, aber auch für Zürich.

1960 hatte die Innenarchitektin und Kunstsammlerin Heidi Weber eine Vision: Sie wünschte sich in Zürich ein Haus von Le Corbusier. Allerdings keines, um darin zu wohnen, sondern um Corbusiers künstlerisches und architekto­nisches Werk der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Der letzte Bau von «Corbu»

Es sollte der letzte Bau des Westschweizers werden, der 1887 in La Chaux-de-Fonds geboren wurde. Denn während der Bauarbeiten starb «Corbu» überraschend an einem Herzinfarkt, sodass er die Einweihung der mit 20 000 Schrauben zusammengefügten Stahlkonstruktion nicht mehr miterlebte. Es ist der letzte Corbusier-Bau, der einzige in der Deutschschweiz und zudem der einzige aus Metall und Glas. Deshalb gelte der Pavillon Le Corbusier, wie das Haus heute heisst, als absolutes Architektur-Highlight, sagt Christian Brändle, Direktor des Museums für Gestaltung Zürich und Co-Kurator der ersten Ausstellung im renovierten Pavillon.

Dass Brändle am Telefon über Renovation, Neuausrichtung und «die Gestalterpersönlichkeit ‹Corbu›» spricht, liegt daran, dass sein Museum 2017 die Ausschreibung für das Betreiben des Corbusier-Hauses gewann. Das Ziel sei es, das Renommee des Pavillons zu stärken, sagt Brändle: «Das Haus steht zwar über 50 Jahre da, es hat aber seine internationale und nationale Strahlkraft noch lange nicht erreicht.» Das sei nicht verwunderlich, denn eine Einzelperson wie Heidi Weber hatte schlicht andere, sprich weniger Möglichkeiten als ein Museum, sagt Brändle.

Mehrjähriges Projekt: Le Corbusier (Mitte) und Heidi Weber mit weiteren Verantwortlichen auf dem künftigen Bauplatz. Bild: René Burri, Magnum Photos/Fondation Le Corbusier/ZHdK/Pro Litteris/zvg

Er meint dies nicht als Kritik, im Gegenteil: «Heidi Weber hat als alleinerziehende Frau im männerlastigen FDP-Zürich der Sechziger Unglaubliches geleistet.» Angesprochen auf den jahrelangen und dürrenmattesken Konflikt zwischen Weber und der Stadt Zürich (siehe Chronik unten), winkt Brändle ab; das Museum für Gestaltung schaue nach vorne. Eine Richterrolle wolle er auf keinen Fall einnehmen, sagt Brändle. Und: «Eine abschliessende, für alle stimmende Geschichtsschreibung wird es nie geben, damit muss man sich abfinden.»

Schräger Vogel in der Architekturgeschichte

Und diese Geschichtsschreibung des Baus, der sich einer stilistischen Einordnung entzieht und den Christian Brändle deshalb als «bunten, schrägen Vogel in der Architekturgeschichte» bezeichnet, ist lang und vielfältig. Denn neben monografischen Schauen, die sich Corbusiers Schaffen widmeten, war der Pavillon, der ursprünglich Centre Le Corbusier hiess, auch ein politischer Ort.

Wie Heidi Weber 1980 in einem Interview sagte, wollte sie kein Mausoleum errichten. Sie gründete deshalb das sozialkritische Forum für Umweltfragen, das Happenings wie jenes im Herbst 1968 nach den Jugendunruhen in der Stadt veranstaltete, wo während sechs Tagen und 24 Stunden am Tag Interessierte über Themen wie «Kultur und Scheinkultur» oder «Rückkehr zum Kalten Krieg?» diskutieren konnten. In den 70er-Jahren, als finanzielle Schwierigkeiten Weber zwangen, den Museumsbetrieb einzustellen, zog das Gottlieb-Duttweiler-Institut mit dem Projekt «Corbusier Community Workshop» ein. Und dann blieb der Pavillon mehrere Jahre geschlossen – bis im Hinblick auf Corbusiers 100. Geburtstag ab 1985 wieder Ausstellungen zu sehen waren.

Normal oder zufällig ist hier nichts: Die Dachterrasse des Pavillons. Bild: ZHdK/zvg

Nun also wird das vierstöckige Haus nach 18 Monaten aufwendigen Umbaus, für den die Stadt 5,4 Millionen Franken zahlte, wieder­eröffnet. Damit kommt erneut die Diskussion um das inoffizielle Museumsquartier im Seefeld auf. Denn in unmittelbarer Nähe des Pavillons liegen mit dem Atelier von Hermann Haller, der Villa Bellerive, in der das Zentrum Architektur Zürich beheimatet ist, und der Villa Egli weitere etwas vergessene Institutionen. Die Wiedereröffnung des Pavillons Le Corbusier ist deshalb nicht nur aus architekturhistorischer Sicht von Bedeutung, sondern vielleicht auch für die Zukunft der Kulturstadt Zürich.


Zur Ausstellung «Mon Univers»

Die Wiedereröffnungsschau widmet sich Le Corbusiers Sammelleidenschaft: Erstmals überhaupt werden persönliche Objekte wie Muscheln, Gläser oder afrikanische Masken ausgestellt. Zusammen mit Fotografien und Plakaten wird deutlich, welchen Einfluss die Fundstücke auf das Schaffen Le Corbusiers hatten.

Pavillon Le Corbusier
Höschgasse 8
Ab Sa 11.5. bis 17.11.
Öffnungszeiten: Di–So 12–18 Uhr, Do 12–20 Uhr
Eintritt 12 / 8 Franken
Buchtipp: «Le Corbusiers Pavillon für Zürich», Catherine Dumont d'Ayot, 2013, Lars Müller Publishers, 224 Seiten
www.pavillon-le-corbusier.ch

(Züritipp)

Erstellt: 09.05.2019, 09:42 Uhr

Bewegte Geschichte

Historische Ereignisse und Eckpunkte des Streits zwischen der Stadt Zürich und Heidi Weber

August 1958
Le Corbusier und die Innenarchitektin Heidi Weber lernen sich in Frankreich kennen.

Frühjahr 1960
Heidi Weber schlägt Le Corbusier vor, in Zürich ein Museum Le Corbusier zu bauen, und zeigt ihm das Grundstück am Zürichhorn. Wenig später beginnt der Architekt mit ersten Skizzen.

September 1963
Die Stadt Zürich, Besitzerin des Grundstücks im Baurecht, und Heidi Weber schliessen den definitiven Vertrag zur 50-jährigen Nutzung ab.

Frühjahr 1964
Der Bau des Pavillons beginnt.

August 1965
Le Corbusier stirbt überraschend, doch der Bau in Zürich geht weiter.

Juli 1967
Das Centre Le Corbusier wird eingeweiht.

März 2013
Heidi Weber droht, das Haus abzubauen, da sie sich mit der Stadt nicht über die Modalitäten der Übergabe einigen kann. Weil aber wenig später die Stadt Veränderungen am Haus verbietet, bleibt es stehen.

April 2014
Mit dem Ablauf des Baurechts fällt das Haus samt allen darin untergebrachten Exponaten vertragsmässig in den Besitz der Stadt.

Mai 2014
Die Stadt zahlt Weber für das Haus 1 Million Franken. Gleichzeitig verspricht sie, eine öffentlich-rechtliche Stiftung für den Museumsbetrieb zu gründen und «Heidi Weber» im Gebäudenamen zu erhalten.

Mai 2014
Eva Wagner leitet während vier Jahren den Museums- und Ausstellungsbetrieb.

Mai 2016
Weil sich Heidi Weber hintergangen fühlt – die Stadt hat einen Verein gegründet, weil ein neues Gemeindegesetz die Errichtung einer öffentlich-rechtlichen Stiftung nicht mehr zulässt –, räumt sie zahlreiche Kunstwerke von Le Corbusier aus dem Pavillon.

Januar 2017
Heidi Weber schreibt einen offenen Brief an Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP); die Stadt habe die Vereinbarungen zur Übergabe nicht eingehalten.

Mai 2017
Die Stadt sucht mittels einer öffentlichen Ausschreibung eine neue Trägerschaft für den Museumsbetrieb.

September 2017
Heidi Weber beharrt darauf, dass die Stadt eine öffentlich-rechtliche Stiftung gründet. Mit dieser und weiteren Forderungen zieht Weber vor das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich.

Das Museum für Gestaltung erhält den Zuschlag für den Museumsbetrieb. Besitzerin bleibt die Stadt.

Oktober 2017
Die Sanierungsarbeiten, die rund 5,4 Millionen Franken kosten, beginnen.

Dezember 2017
Das Verwaltungsgericht weist Heidi Webers Klage ab; es handle sich um eine Vereinbarung zwischen der Stadt und einer Privatperson, also um eine zivilrechtliche Angelegenheit. Das Verwaltungsgericht sei dafür nicht zuständig, schreibt es.

Januar 2018
Heidi Weber und ihr Anwalt ziehen den Entscheid des Verwaltungsgerichts vor das Bundesgericht.

Oktober 2018
Das Bundesgericht hebt den Entscheid des Verwaltungsgerichts auf; es handle sich doch um eine öffentlich-rechtliche Angelegenheit. Das Verwaltungsgericht befasst sich erneut mit dem Fall – und tut es noch immer. Wann ein Entscheid gefällt wird, ist unklar.

Mai 2019
Unter dem Namen Pavillon Le Corbusier wird das Gebäude wiedereröffnet.

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