Die Schönheit der Strasse

Street-Fashion-Fotograf Scott Schuman spricht an der Photo 18 über sein Tun. Bei ihm gibt es mehr als nur Mode zu sehen.

Ein Fundstück von Scott Schuman: Der Fotograf sammelt Kleider und Persönlichkeiten. Foto: Scott Schuhman

Ein Fundstück von Scott Schuman: Der Fotograf sammelt Kleider und Persönlichkeiten. Foto: Scott Schuhman

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Erst kurz vor der Kreuzung Lafayette und 8th Street sieht Scott Schuman das Glitzern der goldbemalten Beinprothese. Er drückt nochmals auf den Auslöser seiner Spiegelreflexkamera. Die junge Frau ist zuvor auf einem Damenrad an ihm vorbeigeflitzt, weiter südlich in Manhattan, an diesem ersten sonnigen Frühlingstag 2012.

Rotes, langes Haar, oranger Rock, weisses, rückenfreies Seidentop – Schuman musste ein Foto von ihr kriegen. Also pedalte er ihr nach, knipste vom Velo aus. Das Bild, das er später auf seinem Blog postet, zeigt die Frau mit Sonnenlicht auf ihrem Rücken; mit Haarsträhnen, die im Fahrtwind tanzen. Ein Foto voller Energie. Ein Foto, das berührt. Denn die Prothese gehört dazu.

Scott Schuman, 49-jährig, US-Amerikaner, gehört zu den renommiertesten Street-Fashion-Fotografen der letzten zehn Jahre. Gut zwölf Millionen Aufrufe aus aller Welt verzeichnet sein Blog The Sartorialist jeden Monat.

Schuman schoss schon Kampagnen für Burberry, Gant und Nespresso. Seine Fotos erschienen in verschiedenen Ausgaben der «Vogue» und in Buchform, hängen in Museen in London und in Tokio. «Er hat die Art und Weise verändert, wie wir Mode betrachten», sagte einst Fashion-Bloggerin und Ex-Partnerin Garance Doré über ihn. Damit hatte sie durchaus recht.

Will den modischen Alltag abbilden: Scott Schuhman.

Schuman startet seinen Blog 2005. Die sozialen Medien entstehen und entwickeln sich erst gerade, noch sagen die Modemagazine, was Fashion ist. Doch Schuman weiss: Was in den Heften und auf den Catwalks gezeigt wird, ist oft weit weg von dem, was die Menschen im Alltag tragen. «Ich wollte Fotos zeigen von gut gekleideten Menschen auf der Strasse», sagt er einmal in einem Interview.

Das Auge für gute Kleidung, das hat er zweifelsohne. Schuman wächst in Indianapolis auf, beginnt sich als Teenager für Mode zu interessieren. Eine Plakatwerbung von Armani hat es ihm angetan – da trägt einer einen Anzug, so knackig, wie man ihn im Indianapolis der frühen 80er an keinem Mann sieht.

Schuman fotografiert alle: Jung, Alt, Frau, Mann, Rastafari, Sikh, Schwarz, Weiss, Arm, Reich. Foto: Scott Schuhman

Schuman studiert Kostümbildner und Modemarketing. Später eröffnet er in New York seinen eigenen Showroom für junge Mode. Als die Modeindustrie nach 9/11 einen Dämpfer erfährt, schliesst er sein Geschäft und kümmert sich fortan um seine zwei Töchter. Sein Interesse an Mode verliert er aber nie. Während seiner Zeit als Hausmann entdeckt er die Fotografie für sich. Wenn es die Zeit zulässt, fährt er nun mit seinem Velo durch New York, die Spiegelreflex umgehängt, und hält Ausschau nach Passanten mit spannenden Outfits.

Eigentlich seit Cartier-Bresson und Brassaï nichts Neues

The Sartorialist wird schon nach wenigen Monaten im Jahr 2005 ein Erfolg. Schnell schätzen ihn seine Fans als Forum für Modegespräche, vor allem aber als eine Inspirationsquelle, die nahe am Leben ist. Denn Schuman fotografiert alle – junge Skater in Manhattan und Verkäufer auf dem Fischmarkt, flamboyante Kreative in Soho und klassisch-schicke Modemacher an der Fashion Week. Er fotografiert Jung, Alt, Frau, Mann, Rastafari, Sikh, Schwarz, Weiss, Arm, Reich. Dabei ist das, was er macht, nicht einmal neu.

Bereits in den 1970ern zog der «New York Times»-Fotograf Bill Cunningham durch die Strassen von Manhattan, lichtete Herren in ausgefallenen Anzügen ab und Damen, die in High Heels und Kleidern über Pfützen sprangen. Cunninghams Street-Fashion-Fotografie wiederum ging in den 1930ern schon das Schaffen von Fotografen wie Henri Cartier-Bresson und Brassaï voraus. Diese porträtierten das Leben in den Städten unpoliert, mit Prostituierten an Strassenecken, Menschen in den Bars und Cafés.

Hat seinen Stil weiterentwickelt: Schuman zeigt seine Sujets heute im spezifischen Licht einer Strasse. Foto: Scott Schuhman

Einflüsse, die man heute in den Arbeiten von Scott Schuman wiederentdeckt. Waren seine Schnappschüsse modebewusster New Yorker anfänglich noch statisch und zaghaft, sind seine Porträts über die Jahre vielschichtiger, dynamischer geworden. Wie Cunningham zeigt Schuman seine Sujets heute im spezifischen Licht einer Strasse, vor einem bunten Graffito oder dem grauen Wellblech eines Rolltors. Oder er macht sie, wie Brassaï, zu Protagonisten einer Momentaufnahme im Stadtleben.

Die Weiterentwicklung dürfte denn auch Schumans anhaltenden Erfolg erklären. Mit dem Ende der Nullerjahre wurden die Street-Fashion-Blogs zahlreicher, Schumans Nacheiferer standen sich nun an derselben Ecke in Soho und vor den Toren der Fashion Weeks gegenseitig auf die Füsse. Inflationär wurden somit die Fotos von den immer gleichen aufgebrezelten Selbstinszenierern; die Street-Fashion-Fotografie verlor ihre Novität. Scott Schuman hingegen verlieh seinem Schaffen mehr und mehr einen dokumentarischen Charakter.

«Ich will einfach zeigen, wie Menschen ihre Persönlichkeit über ihre Kleidung ausdrücken.»Scott Schuhman, Fotograf

Klar, die Schnappschüsse von den Fashionistas liefert Schuman in seinem Blog noch immer. Viele seiner wirklich spannenden Arbeiten schiesst er mittlerweile aber abseits der bekannten Modestädte, in Indien, Südamerika und -afrika. Schuman selber gibt sich zurückhaltend, was seine Arbeit betrifft. «Ich sehe mich nicht als Fotojournalisten. Ich will einfach zeigen, wie Menschen ihre Persönlichkeit über ihre Kleidung ausdrücken.» Das gelingt ihm. Und eben doch auch mehr.

Eine junge Inderin in Männershorts und Button-Down-Shirt, ein junger Mann im selbst geschneiderten Anzug in Soweto – diese Bilder fordern Geschlechterbilder heraus und kulturelle Klischees. Scott Schuman zeigt längst nicht mehr nur Mode, er zeigt uns die Welt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2018, 17:57 Uhr

Photo 18

Die grösste Werkschau der Schweiz findet 2018 erstmals in ­Zürich-Oerlikon statt. Über 150 Fotokünstler präsentieren ihre ­besten Arbeiten des vergangenen Jahres. An zahlreichen Sonderausstellungen sind unter anderem Fotos von Schweizer Obdachlosen zu sehen. Zudem wählt die Swiss Photo Academy zum vierten Mal den Schweizer Fotografen des Jahres. Scott Schuman spricht im Rahmen des Photo-Forums am Freitag um 17.30 Uhr.

Eintritt: Werkschau 25 Franken (gratis bis 16 Jahre); Photo-Forum 38 Franken; Photo-Pass (Werkschau alle 5 Tage inkl. Photo-Forum) 99 Franken

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