Fliegen lernen im Museum

Gametechnik trifft auf Filmästhetik: Die interaktiven Videos von Vincent Morisset dehnen die Genregrenzen und entführen in neue Welten. Eine Begegnung mit dem kanadischen Regisseur.

Fliegen können – dank Morissets interaktivem Video «Jusqu' ici» wirds möglich.

Fliegen können – dank Morissets interaktivem Video «Jusqu' ici» wirds möglich.

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Die Räume sind dunkel, auf dem Boden liegen Kabel, in einer Ecke sitzt ein Mann mit einem Laptop auf den Knien, sein Gesicht leuchtet blau. Nein, es handelt sich hier nicht um Reno­vationsarbeiten eines IT-Start-ups, sondern um den Aufbau von Vincent Morissets Schau im Zürcher Museum of Digital Art. Es ist die erste Ausstellung überhaupt, die die sieben Hauptprojekte des Kanadiers unter einem Dach vereint. Keine Selbstverständlichkeit, sind doch seine interaktiven Videos nicht fürs Museum, sondern für den kleinen Bildschirm daheim entwickelt.

«Ich wollte das Pingpong zwischen Besucher und Werk auch im Ausstellungsraum beibehalten. Denn die Interaktivität in meinen Arbeiten hat eine Bedeutung und trägt zur Geschi­chte bei», sagt Morisset, der im einzigen hellen Raum des MuDA sitzt. Anders als zu Hause gibt es hier weder Maus noch Trackpad zur Bedienung der Arbeiten; die Interaktion geschieht mittels künstlicher Intelligenz. So steuern Besucher die Videos etwa, indem sie den Blick über das Bild schweifen lassen oder sich davor bewegen.

Projekte wie Chamäleons

Morissets Karriere als Regisseur der etwas anderen Art begann vor über zehn Jahren, als er ein Musikvideo für die Band Arcade Fire realisieren sollte. «MTV zeigte kaum noch Musikclips, und Youtube war noch sehr klein», erzählt Morisset. Statt abzulehnen, ging er neue Wege und schuf mit «Neon Bible» das erste interaktive Musik­video. Wie damals, als er im Filmstudium die neue Richtung Multi­media wählte – «sie schien mir weniger festgefahren als Kino» –, bewies er auch mit dem Arcade-Fire-Video eine gute Nase. Für das spätere, ebenfalls interaktive Video zu «Just A Reflektor» wurde er 2015 mit einem Emmy Award ausgezeichnet.

Zeigt, wie sein erstes interaktives Video funktionierte: «Neon Bible», animiert von Morriset. Video: YouTube/plappNet

Die Projekte von Morisset sind wie Chamäleons: Sein Dokumentarfilm über die isländische Band Sigur Rós feierte Premiere am Filmfestival in Venedig, andere Arbeiten wurden an Kunstfestivals, Game Conventions oder in Museen gezeigt. Sein Gespür für Trends bewies er auch in «Jusqu’ ici», einer Mischung aus Video­game und Kurzfilm, das nun im Grossformat in Zürich zu sehen ist.

Das erste Mal gezeigt wurde die Arbeit 2015 am Sundance Filmfestival; in einer Zeit, in der Virtual-Reality-Projekte wie Pilze aus dem Boden schossen. Angesprochen auf sein Trendgespür, winkt Morisset ab: «Ich glaube, es war immer auch ein wenig Zufall. Sicher, Themen sind in der Luft, doch ich sehe mich nicht als Early-Adapter. Im Gegenteil, neuen Gadgets gegenüber bin ich skeptisch.»

Eine weitere von Vincent Morissets Arbeiten, die eine Mischung aus Video und Game sind und zuhause am Bildschirm gespielt werden können: BlaBla. Bild: Vincent Morriset

Bei jedem Projekt überlege er sich erst, welche Emotionen er beim Zuschauer erzeugen wolle – und erst dann, wie sich die Idee technisch umsetzen lasse. «Die Leute sollen Dinge erleben, wie sie es noch nie zuvor konnten. Sie sollen überrascht werden.» Vincent Morisset deutet mehrmals energisch mit dem Zeigefinger auf seine Brust: «Ich will sie hier berühren.»

Museum of Digital Art
Pfingstweidstr. 101
Vernissage Sa 11–19 Uhr, Tour mit Vincent Morisset 17 Uhr
Bis 3.2.2019
Eintritt 10 Franken (bis 16 Jahren gratis)
www.muda.co

(Züritipp)

Erstellt: 13.10.2018, 07:20 Uhr

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Über den Regisseur



Vincent Morisset wurde 1976 in Montréal, der Hochburg für interaktives Design, geboren, wo er mit seiner Familie bis heute lebt. Er studierte an der Université du Québec à Montréal (UQÀM) Film mit dem Schwerpunkt Multimedia. 2007 gründete er das Produktionsstudio AATOAA («à toi»), für das auch seine Lebenspartnerin Caroline Robert (u.a. als Illustratorin / Animatorin) sowie der Programmierer Édouard Lanctôt-Benoit tätig sind. Morissets Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet.

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