Mit offenen Augen durch die Stadt

Der verzierte Kanaldeckel, die clevere Parkbank – die Designerin Gabriela Chicherio hat uns auf einem Spaziergang durch Zürich versteckte Schätze gezeigt.

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Wir übersehen so einiges im Alltag. Nicht so Gabriela Chicherio. Betrachtet die Designerin die Stadt, sieht sie Strassenlaternen, die man neu gestalten könnte. Oder Tore, die unauffällig in die Fassade des Landesmuseums eingelassen sind. Chicherio ist Teil des Kuratorenteams der ersten Design-Biennale Zürich. An einem schwülen Sommerabend führt sie uns durch ­Zürich: Während der Biennale sollen die Besucher die Stadt neu entdecken. Auf einem Designspaziergang, der den Blick schärft.

17 Uhr, Alter Botanischer Garten
Ob er weiss, worauf er sitzt? Der Geschäftsmann hat auf einer Parkbank Platz genommen und telefoniert. Es ist eine Landibank, für die Landesausstellung von 1939 entworfen. Knapp dreissig davon stehen im Alten Botanischen Garten, meist im Schatten von Bäumen. Bei manchen sind die Sitzflächen verwittert oder versprayt. In solchen Fällen tauscht die Stadt die Holz- durch neue Alulatten aus. Die Bank ist robust. «Sie zeigt, was Schweizer Design ausmacht», sagt Gabriela Chicherio. «Funktionalität und der Anspruch auf Langlebigkeit.»

17.30 Uhr, Hauptbahnhof
Die Passanten strömen die Rolltreppe hinauf in die Bahnhofshalle. Die schwarz-weiss gestreiften Wände des alten Shop-Ville beachten sie nicht. Als wollten sie Gabriela Chicherios Worte bestätigen: «Dieser Teil des Bahnhofs ist einfach da, und niemand achtet auf ihn.» Dabei haben Trix und Robert Hausmann ihn bewusst gestaltet, damals Ende der Achtziger. Als Kontrast zum ursprünglichen Bahnhofsbau. «Ihr Entwurf ist mutig», sagt Chicherio. «Heute designt man solche Übergänge viel vorsichtiger.»

17.45 Uhr, Platzspitz
Der junge Tourist ist etwas abseits stehengeblieben, verunsichert. Er möchte eigentlich das Züri WC benutzen, dessen Tür Gabriela Chicherio offen hält, um auf Details im Inneren zu zeigen. «Diese Toiletten sind clever gebaut, vandalensicher und für die Reinigung optimiert, komplett funktional.» Das WC auf dem Platzspitz ist doppelt interessant: Der Chromstahlkubus wurde in ein altes Kioskhäuschen eingelassen. «Romantisch getarnt», sagt Chicherio und lässt die Tür los. Der junge Tourist nähert sich dem WC. Zögernd.

18 Uhr, Bahnhof Letten
«Der Design-Walk ist unser Geheimtipp», sagt Chicherio. Ihr Auftrag: die Leute auch dorthin bringen, wo sie sonst nicht landen würden. So führt Chicherios Weg an der Platzspitzmauer vorbei, dort wo die Schriftzüge «Sjhl» und «Ljmmat» als versteckte Hommage an James Joyce prangen. Weiter, auf dem lauschigen Lux- Guyer-Weg zum Bahnhof Letten, diesem Massenprodukt vergangener Eisenbahnzeiten. Vorbei auch an Badenden, die vom alten Bahnviadukt ins Wasser springen. Bis nach Zürich-West, wo Chicherio auf Kanaldeckel zeigt. «Es ist interessant, wie viele Typen es davon gibt.» Die unterschiedlichsten Muster entdeckt man in Zürich. Würde man nur öfter auf den Boden schauen.

18.30 Uhr, Toni-Areal
Die Sonne hat sich bereits etwas abgesenkt, spiegelt sich in den Hochhäusern von Zürich-West. Hier, vor dem Toni-Areal, wo Tramgleis und Strasse parallel verlaufen, verstecken sich Designschätze: Die Verkehrstafeln mit der Astra-Frutiger-Schrift, die besonders gut lesbar ist. Oder der Abfallhai, Zürichs Müllbehälter. «Der Hai ist pure Cleverness. Er ist abgeschrägt, also kann niemand die leere Bierflasche draufstellen. Und der Regen wäscht Dreck auf dem Deckel einfach weg.»

18.45 Uhr, SBB-Werkstätte
Ganz zum Schluss führt uns Gabriela Chicherio über die Duttweilerbrücke. Dort, wo sich der neue Bahnviadukt über die Strasse wölbt, will sie zeigen, dass manchmal eben auch die Produktion entscheidet, wie ein Design aussieht. Der Viadukt ist ein Prototyp. Gepresster Beton, der Element für Element wuchs. Der Spaziergang endet in der alten SBB-Werkstätte an der Hohlstrasse, die nun Werkstadt Zürich heisst. Im Backsteinbau, wo einst Wagen modernisiert wurden, geht es während der Biennale ums Erneuern und Weiterdenken. Das passt.

Donnerstag bis Sonntag
Biennale Zentrum: Hochhaus zur Bastei, Bärengasse 29
Do–Sa 11–19 Uhr, So 11–17 Uhr
4-Tagespass: 25 Franken
www.designbiennalezurich.ch (Zueritipp)

Erstellt: 06.09.2017, 16:32 Uhr

Highlights

Unter dem Titel «Hello Future» zeigt die erste Design-Biennale Zürich an sechs Standorten, womit sich Designerinnen und Designer beschäftigen. Woher stammt die Inspiration? Welche Herausforderungen warten in der Zukunft? Wie verändert sich das Berufsbild des Designers? All das wird den Besuchern an Ausstellungen, in Experimenten und Gesprächsrunden nähergebracht.
www.designbiennalezurich.ch

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