«Seine Bilder sind auf eine fantastische Art zeitlos»

Das Fotomuseum Winterthur zeigt die Lieblingsbilder von Experten. Vier Fotokenner erklären ihre Auswahl.

Ebenfalls in der Schau zu sehen: Max Pinckers «A Courious Phenomenon for Which I Know Not of a Valid Explanation» aus der Serie «The Fourth Wall».

Ebenfalls in der Schau zu sehen: Max Pinckers «A Courious Phenomenon for Which I Know Not of a Valid Explanation» aus der Serie «The Fourth Wall». Bild: 2012 Max Pinckers

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Zum Geburtstag schenkt sich das Museum die Ausstellung «25 Jahre! Gemeinsam Geschichte(n) schreiben». Dafür wurden Fotokenner aus dem In- und Ausland gebeten, ein Lieblingsstück aus der Sammlung auszusuchen; vier davon haben uns im Vorfeld verraten, warum ihre Wahl auf das jeweilige Werk gefallen ist.

«Peter Hujar war ein wichtiger Teil der New Yorker Boheme von den 50er- bis Ende der 70er-Jahre und einer der Ersten, der radikal die menschlichen Abgründe seines Umfelds fotografierte. Er inspirierte Künstler wie Nan Goldin oder Robert Mapplethrope, die heute viel bekannter sind als Hujar selbst. Faszinierend an seinen Porträts finde ich die Momente, in denen er die Menschen jeweils erwischte; irgendwo zwischen Stolz und Zerfall. Hujar war ein genialer Fotograf, er schaffte es sogar, diesen ungeheuren Ausdruck bei einem Hund einzufangen. Diese Verletzlichkeit und die gleichzeitige extreme physische Präsenz des Tieres haben etwas zutiefst Menschliches. Seine Bilder sind auf eine fantastische Art zeitlos; etwas sehr Seltenes bei Fotografien und etwas, das auch problematisch sein kann – nicht aber bei Peter Hujar.»

Der 67-Jährige ist Schauspieler und Autor. Zudem ist er Verleger, die Edition Patrick Frey hat rund 250 Publikationen herausgebracht, darunter zahlreiche Fotobände, etwa von Walther Pfeiffer, Barbara Davatz oder Fischli /Weiss. 2019 erscheint ein Buch über Walter Keller, den Gründer des Fotomuseums.

Peter Hujar, «Face of a Dog», 1984. Bild: The Peter Hujar Archive LLC/Courtesy Pace/MacGill Gallery, New York and Fraenkel Gallery, San Francisco



«Einer der Höhepunkte meines ersten Besuchs im Fotomuseum vor drei Jahren war die Ausstellung ‹Eurasia› des Schweizer Künstlerduos Taiyo Onorato und Nico Krebs, ein Kontrapunkt zu ihrem früheren, viel beachteten Projekt ‹The Great Unreal› (im Bild). Auch für dieses Projekt begab sich das Duo auf einen Roadtrip, diesmal von Österreich über Ungarn und Moldawien bis Aserbeidschan, Kasachstan und in die Mongolei. Ich kannte das Werk von Onorato & Krebs schon vorher, 2013 gehörte ich der Jury an, die ihnen den ‹Foam Paul Huf Award›, einen renommierten Preis des Fotografiemuseums Foam Amsterdam, zuerkannte. Wir waren beeindruckt von ihrem Einsatz verschiedener Medien wie Film, Skulptur und Fotografie, mit denen sie unsere Vorstellungen von Mythos, Wahrheit und Illusion erkundeten. Die Ausstellung damals in Winterthur führte das Publikum an unbekannte Orte in dieser von den Künstlern imaginierten Landschaft und war so eindrücklich, dass man sie auch ganz physisch erlebte: Sie zeigte unverfälschte Szenerien, die ein eigenartiges Gefühl der Unsicherheit hervorriefen und, wie in anderen Arbeiten zuvor, die Frage nach der Realität aufwarfen. Ich habe dieses Gefühl von Freiheit, das Hinterfragen des Realen und die Reise durch das Unbekannte sehr genossen.»

Die 45-jährige Britin ist Leiterin der Bildredaktion des «Financial Times Weekend Magazine». Sie ist zudem Kuratorin und wurde mit dem «Firecracker Contributors Award», einem Preis für Frauen mit einem bedeutenden Einfluss in der Fotografieszene, ausgezeichnet.

Tayio Onorato & Nico Krebs, «Happy Ending» aus der Serie »The Great Unreal», 2006. Bild: Tayio Onorato & Nico Krebs



«Es war während meinem Fotografie-Studium in Dortmund, als mir ältere Kollegen ein Fotobuch von Lewis Baltz in die Hände drückten: ‹Park City›. Die Bilder waren damals eine Offenbarung für mich, ich hatte noch nie zuvor solche Arbeiten gesehen. Er setzte sich – wie die anderen Fotografen der ‹New Topographics›-Bewegung – nicht mit der unberührten Natur, sondern mit der vom Menschen veränderten Landschaft auseinander. Obwohl er sich immer mit sozialrelevanten Themen beschäftigte, kippen seine Fotografien nie ins Plakative oder Kitschige. Ich mag auch seine formale Arbeit; er belichtete seine Negative mit grosser Sorgfalt. Seine Schwarzweissfotografien strahlen Stille aus, sie haben etwas sehr Nachdenkliches. Die Fotografie, die ich aus dem Archiv auswählte, ist sinnbildlich für seine ganze Serie: Die Bilder sind sehr offen und zugleich unglaublich spezifisch. Sie berühren mich bis heute und hatten einen sehr grossen Einfluss auf meine eigenen Fotografien – auch wenn dies auf den ersten Blick nicht so scheint.»

Die deutsch-iranische Foto­grafin und Konzeptkünstlerin lebt und arbeitet seit vielen Jahren in ­Zürich. 2011 wurden die Arbeiten der 43-Jährigen in der Einzelausstellung «Much Like Zero» im Fotomuseum ­Winterthur ­gezeigt.

Lewis Baltz, aus der Serie «Park City», 1979. Bild: Lewis Baltz Trust



«Es gibt zwei Herangehensweisen für eine Archivauswahl: eine emotionale – man wählt etwa sein Lieblingsbild – und eine konzeptuelle – man bezieht sich auf die Geschichte des Museums. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden, denn mich interessieren die Fragen: Wo stehen das Fotomuseum und die Fotografie heute? Bei der Gründung des Museums ging es darum, einen Platz für die Fotografie als eigenständiges Medium in der Kunst zu schaffen. Heute in unserer bildüberfluteten Welt soll der kritische Blick auf die Fotografie geschult werden. Exemplarisch für beides steht Luigi Ghirris Serie ‹Kodachrom›, benannt nach dem damals populären Dreifarbenfilm von Kodak. Für mich passt die Serie auch deshalb zum Jubiläum des Fotomuseums und der Frage, was Fotografien heute erzählen, weil Ghirris Bilder sehr heimtückisch sind und eine genaue Betrachtung erfordern: Erst auf den zweiten Blick entpuppen sich die vermeintlichen Schnappschüsse über ihren Bildausschnitt als bewusst konzipierte Bilder und eine bewusste Referenz an das Medium der Fotografie. Die Bilder üben den Betrachter deshalb auch im Schauen und sind darum eine wahre Liebeserklärung an die Fotografie.»

Die in Zürich lebende Künstlerin und Kunsthistorikerin kennt das Fotomuseum sowohl als Vertreterin des Nachlasses ihres ­Vaters Andreas Züst wie auch als regelmässige Besucherin und ehemalige Praktikantin. Die 41-Jährige ist auch als Kunstvermittlerin tätig und Herausgeberin mehrerer Fotobücher.

Luigi Ghirri, «Egmond aan Zee», aus der Serie «Kodachrom», 1973. Bild: Estate of Luigi Ghirri

Fotomuseum Winterthur
Grüzenstr. 44 + 45
Vernissage der Jubiläumsausstellung: Fr 18–21 Uhr
Bis 10.2.2019
Di–So 11–18 Uhr, Mi 11–20 Uhr
www.fotomuseum.ch

(Züritipp)

Erstellt: 17.10.2018, 14:13 Uhr

Über das Fotomuseum Winterthur

Der Startschuss
Am 29. Januar 1993 ist es so weit: An der Grüzenstrasse am Rande Winterthurs wird feierlich ein neues Museum eröffnet. Wo einst Elastikbänder für schnürlose Halbstiefel und andere «gummielastische Textilien» der Firma Ganzoni (heute Sigvaris) hergestellt wurden, soll sich fortan alles um Fotografie drehen. Die erste Schau, «New Europe», gilt dem Briten Paul Graham und zeigt dessen Bilder zum utopischen Traum vom vereinten Kontinent.

Die Köpfe dahinter
Gegründet wird das Museum von drei Fotobegeisterten: dem Verleger Walter Keller, Georg Reinhart aus der bekannten Winterthurer Unternehmerfamilie sowie Urs Stahel, der dem Haus 20 Jahre lang als Direktor vorsteht. 2013 treten der Schotte Duncan Forbes und der Deutsche Thomas Seelig in Co-Leitung seine Nachfolge an. 2018 erhält das Haus seine erste Direktorin: Nadine Wietlisbach, die zuvor das Photoforum Pasquart in Biel leitete.

Die Sammlung
Dank Ankäufen, Schenkungen und Leihgaben umfasst der Bestand heute 8000 Fotografien. Ob Robert Franks «The Americans», moderne Klassiker wie Nan Goldin oder Brandneues: Alles ist via Museumswebsite permanent einsehbar. In der hauseigenen Bibliothek (die das Museum gemeinsam mit der an gleicher Adresse residierenden, eidgenössischen Fotostiftung als «Zentrum für Fotografie» betreibt) stehen zudem 18 000 Publikationen.

Die Ausstellungen
Bis zu acht Ausstellungen gibts pro Jahr, total warens bisher 157. Die bestbesuchte war die von Ai Weiwei (2011; 20 900 Bes.), die komplexeste «Darkside I» (2008), weil 130 Leihgeber beteiligt waren. Die ungewöhnlichste war die von Amar Kanwar (2012): Sie zeigte nur Videos.

Das Jubiläum
Zum Geburtstag schenkt sich das Museum die Ausstellung «25 Jahre! Gemeinsam Geschichte(n) schreiben». Dafür wurden Fotokenner aus dem In- und Ausland gebeten, ein Lieblingsstück aus der Sammlung auszusuchen; vier davon haben uns im Vorfeld verraten, warum ihre Wahl auf das jeweilige Werk gefallen ist. Der Katalog mit Interviews und Essays erscheint im November.

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