Unsere bunten Helden

Das Landesmuseum zeigt eine Sonderausstellung zu Schweizer Bilderbuchklassikern – und wir schwelgen in Kindheitserinnerungen.

Für die einen ein Held, für die anderen ein Trottel: Globi.

Für die einen ein Held, für die anderen ein Trottel: Globi.

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Papa Moll
Etwas suspekt war er mir schon damals, dieser dicke Mann mit dem schütteren Haar und dem strammen Schnauz. Aber seine Missgeschicke und die dazuge­hörigen Bilderbücher waren eben auch Grund dafür, dass ich als Kind meine Schweizer Verwandtschaft so gern besucht habe.
(Isabel Hemmel)
div. Papa-Moll-Bände, Verlag Orell Füssli

Globi im Reich der Tiere
Den Globi, den mag jedes Kind,
aber etwas geht mir nicht in’ Grind.
Ich las gern’ von Globis Besuch bei den wilden Tieren,
jedoch gings mir tüchtig an die Nieren.
Ich fürchtete mich vor dem Löwen und dem Bären nicht,
aber vor dem roten, fiesen Bösewicht.
Ein Fuchs wars, ja genau!
Der hat mich traumatisiert, die blöde Sau.
Trotzdem hatte ich den blauen Helden und die Reime gern –
und hör vielleicht darum heute Eminem.
(Jean-Marc Nia)
Globi im Reich der Tiere (1954), Globi-Verlag

Pitschi
Das wohl bekannteste Kätzchen der Schweiz: Pitschi. Bild: Nord-Süd Verlag, Zürich.

Was Angst und Geborgenheit sind: Das lehrte mich Pitschi. Das Bild, auf dem das winzige Kätzchen von einem grimmigen Wolf und einer Eule mit gfürchigen gelben Augen nachts im Stall bedroht wird, erschütterte mich und hat sich in mein Hirn gebrannt – genauso wie jenes, wo das kranke Pitschi in einem riesigen roten Bett unter einer meterhohen Decke gesund gepflegt wird. Jahrelang wünschte ich mir ein solch gemütliches Bett; gereicht hat es nur für die obere Etage eines Kajütenbetts, das ich mit dem Bruder teilen musste.
(Claudia Schmid)
Hans Fischer: Pitschi (1948), Nord-Süd-Verlag

Schellen-Ursli
Eines der prägendsten Bilder meiner Kindheit sind die grossen Kuh­glocken zu Hause bei meinem Tat, meinem Bündner Grossvater. Ob ich deshalb Schellen-Ursli so gerne mochte, oder ob es doch eher an den farbigen Bildern von Alois Carigiet lag, wer weiss. Den Buben mit der Zipfelmütze fand ich jedenfalls toll. Irgendwann aber vergass ich ihn – bis mir unlängst eine Bekannte eine alte, von Carigiet signierte Ausgabe schenkte. Seither steht Schellen-Ursli – als einziges Kinderbuch – wieder in meinem Büchergestell.
(Annik Hosmann)
Selina Chönz: Schellen-Ursli (1945), Verlag Orell Füssli

Joggeli söll ga Birli schüttle
Eine Hymne auf Leistungsverweigerung: Die Erstausgabe von «Joggeli söll ga Birli schüttle». Bild: A.-Francke-Verlag, Bern.

Ich bin das Kind polnischer Zuwanderer; in den Büchlein, die mir Oma aus Posen schickte, wimmelte es von ernsten Gestalten (und Konsonanten). Kein Wunder, war mir z. B. der dauerfröhliche Globi suspekt. Erst viel später, an der Uni, stiess ich auf Knecht Joggeli, der Birli schütteln soll und es doch nicht tut, worauf sein Chef erst den Hund auf ihn hetzt und dann eine Armada weiterer Helferlein, jedoch stets ohne Erfolg: Alle chillen. 1908 erschaffen, hat diese Hymne auf die Leistungsverweigerung in der heutigen Powergesellschaft Kur-Charakter – ich hab Joggeli jetzt als Screensaver.
(Paulina Szczesniak)
Lisa Wenger: Joggeli (1908), Cosmos-Verlag

Tintin
Schellen-Ursli? Harmlos. Globi? Ein Trottel. Ich lernte als Kind schon früh von meinem welschen Vater, dass in Sachen Bande dessinée in der Deutschschweiz nichts zu holen ist. Kinderkram. So widmete ich mich bereits mit drei dem Topstar aus dem Ausland: Tintin. Meine grand-maman in Genf hatte alle Bände. (Yann Cherix)

Reise nach Tripiti
Dieses Buch habe ich durch meine Kinder kennen gelernt – und dachte erst, das sei etwas Neues: Die Zeichnungen, die Farben und der Strich könnten von heute sein. (Moira Jurt)
Hans U. Steger, Reise nach Tripiti (1967), Diogenes-Verlag

(Züritipp)

Erstellt: 14.06.2018, 10:14 Uhr

Zur Ausstellung

«Joggeli, Pitschi, Globi . . . Beliebte Schweizer Bilderbücher» ist ein nostalgiegeladener Trip zurück in jene Zeit, als man stundenlang fasziniert durch immer dieselben Büechli blätterte. Nun begegnet man den alten Bekannten und deren Schöpfern im historischen Kontext. «Joggeli, Pitschi, Globi» ist als Familienschau konzipiert, d. h., kleine und grosse Kinder kommen gleichermassen auf ihre Kosten. (psz)

Landesmuseum
Museumstr. 2
Ab Freitag, bis 14.10.
Di-So 10-17 Uhr, Do 10-19 Uhr
Eintritt 10 Franken

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