Van Gogh in XXL und mit Dolby Surround

Zu Vincent van Goghs Werk gibt es eine begehbare Bild-und-Ton-Installation. Die Schau kommt nun auch nach Zürich.

Flanieren und plaudern, am Boden sitzen, Selfies machen: Das ist bei «Van Gogh Alive» alles erlaubt.

Flanieren und plaudern, am Boden sitzen, Selfies machen: Das ist bei «Van Gogh Alive» alles erlaubt.

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Noch vor wenigen Tagen konnte man sich nur schwer vorstellen, wie die meistbesuchte Multimedia-Ausstellung der Welt in die Maag-Halle reingequetscht werden soll. Nicht, dass der Raum klein wäre. Aber wenn man sich Kostproben von «Van Gogh Alive» auf Youtube anschaut und dann die Maag-Bühne, auf der bei unserem Besuch noch die Requisiten der Artistikshow «Mother Africa» standen, dann scheints hier doch etwas eng. «Wir müssen zehn Stuhlreihen aus dem Zuschauerraum entfernen», bestätigt es Christoph Rüdt. «Und die ganzen Seitenkulissen sowieso, um auf die nötigen 600 m2 zu kommen.»

Seit bald 20 Jahren ist Rüdt Marketingchef der Maag Music & Arts AG; aber ein solch aufwendiges Projekt hat er noch nie erlebt. «Klar, für ‹Ewigi Liebi› haben wir auch einiges umgebaut – aber das wurde ja auch fünf Jahre gespielt.» «Van Gogh Alive» wird gerade mal sieben Wochen zu sehen sein, und trotzdem wird im grossen Stil rumgeräumt. «Das ist für uns halt eine Riesenkiste», sagt Christoph Rüdt. Auch finanziell: Eine Million Franken investiert die Maag-AG in die Show. 50 000 Besucher müssen kommen, damit sichs rechnet.

Berühmt und schön: Die Sonnenblumen multimedial aufbereitet.

Und die werden kommen. 6000 Tickets gingen allein im Vorverkauf weg. In den 130 Ländern, in denen «Van Gogh Alive» seit 2011 gastierte, wollten bisher sechs Millionen Menschen sehen, wie die weltberühmten Gemälde dieses wohl berühmtesten Malers überhaupt auf das x-Fache ihrer Grösse aufgeblasen, mit Vivaldi, Schubert und Liszt Dolby-Surround-unterlegt und auf Wände und Böden projiziert werden – mithilfe von 40 Hochleistungsbeamern in der Grösse von Kleiderkommoden.

Van Gogh in Übergrösse

In 45 Minuten wird einem so die ganze Bandbreite von Vincent van Goghs Können vor Augen geführt: die Weizenfelder, die windgepeitschten Zypressen, die Wolkenarabesken. Die eindringlichen Porträts, die Sonnenblumen natürlich sowie Sonne, Mond und Sterne, gross wie Planeten. Ein ganzes, tragisches Genieleben, eingekocht auf eine Dreiviertelstunde, konsumfertig aufbereitet und gewürzt mit Zitaten aus den Briefen des Künstlers.

Bedächtig stillstehen und leise sein wie im Museum muss man hier nicht. Gerade Leute mit Kindern lieben die Show deshalb. «Es haben sich schon Dutzende Schulklassen angekündigt», sagt Christoph Rüdt, der selbst drei Kinder im Schulalter hat; jedes hat Van Gogh im Unterricht durchgenommen. Wobei ältere Generationen eben auch angetan sind. Logisch.

Ein kurzer Blick in jeden x-beliebigen Museumsshop beweist: Van Gogh funktioniert immer, seis auf Schirmen, seis auf Tassen, seis auf Handyhüllen. Und zugegeben: Farbintensiv, wie seine Bilder sind, scheinen sie in ihrer XXL-Version geradezu wie geschaffen für Selfies. Kein Problem mit den Bildrechten? «Die verfallen 100 Jahre nach dem Tod eines Künstlers», erklärt Rüdt. Das gilt für Malerei wie für Musik, was erklärt, warum «Van Gogh Alive» mit Klassik unterlegt ist.

Über den Tellerrand schauen

«Klar werden manche sagen, das sei Kunst-Fast-Food», sagt Rüdt. Das Van-Gogh-Museum in Amsterdam, das er wegen einer Zusammenarbeit für den Ausstellungsshop anging, antwortete ihm noch nicht einmal. Das Kunsthaus Zürich indes bietet allen, die mit einem «Van Gogh Alive»-Ticket vorbeikommen, vergünstigten Eintritt in die Sammlung, um sich Originale anzusehen. Vielleicht ist das die beste Herangehensweise: Statt Gemälde und Animation gegeneinander auszuspielen, betrachtet man sie als zwei Seiten einer Medaille.

Hier die bahnbrechende künstlerische Schöpfung, da die technische Meisterleistung. Die Firma Grande Exhibitions aus Melbourne in Australien (die neben «Van Gogh Alive» noch eine Handvoll weiterer Multimediashows um den Globus touren lässt, zum Beispiel über Leonardo da Vinci und «Alice im Wunderland») war lediglich zweimal in Zürich vor Ort: das erste Mal, um die Halle in Augenschein zu nehmen, und das zweite Mal kurz vor der Eröffnung, für den technischen Feinschliff. Ansonsten passierte alles am Computer. Sein Publikum, schrieb Vincent van Gogh einmal an seinen Bruder, sei wohl schlicht noch nicht geboren. Wer weiss: Vielleicht hätte ihm diese Schau ja gefallen.

Ab Di 18.2. bis 9.4.
Maag-Halle
Hardstr. 219
Di–Sa 11–20 Uhr, So 11–18 Uhr
bymaag.ch/event/vangoghalive


«Es ist eine starke Story»

Ist Kunstwissenschaftler und Journalist: Jörg Scheller

Der ZHdK-Dozent Jörg Scheller forscht zu Popkultur und Ausstellungsgeschichte. Wir wollten von ihm wissen, ob Multimedia-Ausstellungen der Anfang vom Ende des klassischen Museums sind.

Haben wir im Jahr 2020 ein Stück weit verlernt, Malerei ohne «Stützräder» in Form von Musik und Animation zu betrachten?
Nein. Diese Art von Ausstellung löst klassische Ausstellungen ja nicht ab, sondern kommt komplementierend hinzu. Zudem ist das keine Malerei-Ausstellung, sondern eine Ausstellung über Malerei. Aber die Tendenz in Richtung der Immersion – also des Eintauchens in ästhetische Räume als Gegensatz zur analytischen Distanz zum Kunstwerk, die früher als Ideal galt – ist sicher da und stellt einen immer wichtigeren kuratorischen Bereich dar.

Da wird ein Potential entfaltet, dass in seiner Kunst bereits angelegt ist.Jörg Scheller

Den Tod des klassischen Museums müssen wir also nicht fürchten?
Im Gegenteil. Multimedia dürfte das Bedürfnis nach klassischen Ausstellungen sogar verstärken. So, wie die Digitalisierung jenes nach Vinylplatten verstärkt hat.

Sechs Millionen Menschen haben «Van Gogh Alive» bisher gesehen. Warum zieht das so?
Erstens ist Van Gogh einer dieser typischen Künstlermythen, die sich wunderbar vermarkten lassen. Es ist einfach eine starke Story. Zweitens ist seine Kunst sehr gut geeignet für mediale Weiterverarbeitung: starke Farben, starke Formen, das Leuchtende, das Vibrierende... Wir meinen immer, Kunst stünde dem Massenmedialen gegenüber; doch wenn man genau hinschaut, wohnt das Populäre der Kunst van Goghs durchaus inne. So gesehen ist es also keine reine Verzerrung, die da in «Van Gogh Alive» stattfindet, sondern da wird ein Potential entfaltet, dass in seiner Kunst bereits angelegt ist.

Eintreten und staunen: Die Multimediawelt mit Bildern von Van Gogh.

Hätte die Schau Vincent gefallen?
Der Zuspruch und die vielen Besucher bestimmt. Aber ich wage zu bezweifeln, dass van Gogh solche überwältigenden Erlebnisräume geschaffen hätte. Für das war er viel zu sehr klassischer Maler, sonst hätte er ja Theater oder Oper machen können.

Was lernt man in «Van Gogh Alive», was man vor seinen Bildern nicht lernt?
Dass die klassische Betrachterposition klischeehaft war: Hier der Betrachter, da das Gemälde an der Wand, dazwischen der Abstand. Jetzt kann ich mich als Teil des Kunstwerks erleben. Das ist übrigens etwas, was schon in der Medienkunst der 60er-Jahre seinen Anfang hatte: Damals entstanden erstmals immersive Räume mit elektronischen Bildwelten.

Dann greift «Van Gogh Alive» einen progressiven Gedanken auf...
...und wendet ihn ins Populäre. Wobei: Wir haben immer noch dieses leicht kitschige Bild von Kunst, dass sie immer kritisch ist, immer ausserhalb des Massentauglichen steht. Dabei beginnt die Geschichte der Popularisierung der Kunst schon im 17. Jahrhundert mit den Salonausstellungen in Paris, die sich für die breite Masse öffnen. Im 19. Jahrhundert waren das schon riesige Spektakel mit einem Millionenpublikum, das in den Louvre strömte. Insofern setzt «Van Gogh Alive» die Geschichte der Kunst als Massenspektakel fort, die wir gern mal ausblenden, um unser idealistisches Kunstbild aufrecht zu erhalten.

Erstellt: 12.02.2020, 14:41 Uhr

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