Die Schöpfung in Fotos

Die Fotografien von Sebastião Salgado zeigen die Natur von ihrer eindrücklichsten Seite – doch die Schöpfungsreferenzen des Brasilianers sind umstritten

Frauen der Mursi mit Lippenteller im Dorf Dargui im Mago-Nationalpark in Äthiopien, 2007.

Frauen der Mursi mit Lippenteller im Dorf Dargui im Mago-Nationalpark in Äthiopien, 2007. Bild: Sebastião Salgado

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Sebastião Salgado zeigt unseren Planeten, wie er einmal war. Und wie er nur noch an wenigen Orten ist. Und wie wir ihn selten bis nie sehen werden: die zerfurchten und in dramatisches Licht getauchten Felsen des Grand Canyon, ein im Dickicht versteckter und der Sonne entgegentretender Elefant, fischende Waura-Indianer auf einem nebelbedeckten See in Brasilien. Geradezu jungfräulich-unberührt wirken die Naturaufnahmen des heute 74-Jährigen.

Das Archaische, die Anfänge will Salgado in seinem Langzeitprojekt «Genesis» zeigen. Die biblische Referenz und das Heraufbeschwören des Schöpfungsmythos sind nicht zufällig. «Ich wollte diesen Planeten fotografieren und den Leuten eine Geschichte erzählen, die wir Genesis nennen, die Schöpfung», sagte er in einem Interview mit der «Zeit» vor fünf Jahren.

Zweifellos sind die Schwarzweissfotografien des Brasilianers eindrücklich und von herausragender ästhetischer Qualität. Doch so schön seine Bilder sind, sie sind nicht unumstritten. Salgado werden Kitsch und Pathos vorgeworfen. Die Kritik stellt eine der Gretchenfragen in der Dokumentarfotografie: Wie viel ist Ästhetisierung, und wo beginnt die Ideologisierung?

Als sei er eben erst auf die Erde gekommen: Elefant in Sambia, 2010. Bild: Sebastião Salgado

Dabei hat Salgado längst nicht nur die schönen Seiten der Welt gesehen. Der studierte Ökonom fotografierte in den 90erJahren hungernde Kinder in der Sahelzone und Kriegsopfer in Ruanda. Auch diese Fotografien, so brutal und schwer erträglich ihr Inhalt ist, sind höchst ästhetisch und stark komponiert. Die einen lobten Salgado dafür, dass er auch in Not die Würde der Menschen hochhalten würde. Andere hingegen warfen ihm eine Ästhetisierung der Misere und Voyeurismus vor. Der Fotograf selbst hatte damals so viel Elend gesehen, dass er daran fast zerbrach. Er legte deshalb die Kamera zur Seite und nahm sie erst wieder 2004 in die Hand – für «Genesis».

Fotografien aus ebendiesem Projekt sind nun erstmals in der Deutschschweiz zu sehen: 245 Bilder auf 1000 Quadratmetern. Salgado versteht «Genesis» als Appell, die Umwelt zu schützen und der Natur Sorge zu tragen. Sein Blick auf eine Natur, die stets aussieht wie am Jüngsten Tag, ist aber eben nur ein, nicht der Blick auf die Welt.

Museum für Gestaltung
Ausstellungsstr. 60
Vernissage: Do ab 19 Uhr Bis 23.6.2019
Di–So 10–17 Uhr, Mi 10–20 Uhr
Eintritt 8 / 10 Franken
www.museum-gestaltung.ch

Erstellt: 14.11.2018, 18:49 Uhr

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