Sie machen Menschen blind

Ist der Mensch des Sehsinns beraubt, spielt seine Fantasie verrückt. Das nutzt das Kollektiv Groupe Nous gnadenlos aus – und schickt uns auf einen wilden Trip.

Sind Sie mutig genug, sich diesen beiden Herren blind anzuvertrauen?

Sind Sie mutig genug, sich diesen beiden Herren blind anzuvertrauen? Bild: Ramón Königshausen

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Was passiert mit meinem Geist, wenn ich alle äusseren Reize ausschalte?», hat sich John C. Lilly gefragt, als er in den 1950ern erstmals mit dem Samadhi-Isolationstank experimentierte. Versuchskaninchen des Delfin- und Drogenforschers berichteten von ausserkörperlichen Erfahrungen, Begegnungen mit ägyptischen Göttinnen und kosmischen Tausendfüsslern. Im körperwarmen Salzwasser schwebend und ohne akustische und visuelle Stimulation beginnt das Gehirn verrücktzuspielen.

Die Kunst bedient meist das andere Extrem. Pipilotti Rist etwa überflutet einen in ihren Videoinstallationen mit optischen Reizen. Das Kollektiv Groupe Nous geht genau den entgegengesetzten Weg: Es schaltet mittels einer Schlafmaske unseren primären Sehsinn aus. Rund 80 Prozent aller Informationen nimmt der Mensch über diesen auf. Eine konstante Überforderung, wie Schauspieler Patrick Slanzi sagt: «Smartphones, Laptops und TV berauben uns jeglicher Ruhe.» Entschleunigung sei angebracht. Bewusst wolle die Groupe Nous darum den Rezipienten ins Zentrum stellen – und mit ihm seine Träume und Ängste.

«Atmet tief ein und wieder aus», wiederholt Patrick Slanzi einem Mantra gleich an einem Probenbesuch von «Ich bin wach», einer Mischung aus Performance und Soundtheater, die kurz nach Ostern Premiere feiern wird. Ein simples «Bitte anschnallen» hätte besser gepasst. Denn was folgt, ist alles andere als die typische Gspürsch-mi-Meditation. Aus allen Richtungen knallt der Text von Konstantin Küspert aufs Ohr. Der Autor (aktuell mit seinem Stück «Europa verteidigen» für den Mühlheimer Dramatikerpreis nominiert) versteht es, sein Publikum mit treffsicheren Worten zu packen, auch allein über die akustische Schiene.

Die Reise führt zu den Aborigines, ins Australien vor Abertausenden von Jahren. Und Widerstand ist zwecklos. Schon nach wenigen Minuten unter der Schlafmaske ist der Hörsinn um ein Vielfaches geschärft, der sonst kaum wahrnehmbare Atem rasselt penetrant laut. Eingelullt von sphärischen Gitarren- und Synthesizerklängen und der Erzählerstimme, verflüchtigt sich die Realität unaufhaltsam in der aufgezwungenen Schwärze.

Die Intensität nimmt zu

Wozu das Ganze? Oft blieben Patrick Slanzi und sein Groupe-Nous-Partner Jonathan Bruckheimer in der Vergangenheit nach Theatervorstellungen unbefriedigt und mit Fragen zurück; genervt ob abgehoben-intellektueller Inhalte. Ihre Soundperformance sollte anders sein. Schlicht, eindringlich und auf sensorische Empfindung fokussiert. Und tatsächlich: Kaum ist man des Sehsinns beraubt, nimmt die Intensität unweigerlich zu. Kein Vergleich zu sinnentleerten Performances und totgespielten Klassikern.

Nicht zuletzt wegen der trippigen Geräuschkulisse, durch die auch mal ein Didgeridoo schleift. Nicolas Balmer, der sonst mit von Worldmusic und Kraut inspiriertem House durch die Clubs tingelt, reizt das Soundspektrum erbarmungslos aus. Auf fast perfide Weise verstärkt sein Klangteppich die Emotionen; Wegdösen, hellwache und verstörend-verspulte Zustände wechseln sich unweigerlich ab. Zwischen Traum und Realität dehnen sich die Sekunden, der Atem stockt, und die Muskeln krampfen. Unvermittelt kommt die brutale und zugleich befreiende Landung, die einzig von einem laut pochenden Gedanken überlagert wird: «Was zum Teufel ist gerade mit mir passiert?»

Mittwoch, 21 Uhr, Photobastei. www.photobastei.ch (Zueritipp)

Erstellt: 12.04.2017, 14:50 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog Sicherheitsgurt gegen den Crash

Von Kopf bis Fuss Gute Kosmetik muss nicht teuer sein

Die Welt in Bildern

«Alle Bilette vorweisen»: An der Welt-Roboter-Ausstellung in China, beobachtet ein Kind eines leuchtenden Roboter. (23.August 2017)
(Bild: AP Photo/Andy Wong) Mehr...