«Das Wort ‹Frauenkunst› ist negativ behaftet»

Seit 20 Jahren macht Mickry 3 Kunst – und prägt das Zürcher Stadtbild. Ein Gespräch über Rollen, Humor und Vandalen.

Machen keine mickrigen Werke mehr: Mickry3 vor ihren Betonreliefs im Schulhaus Schütze.

Machen keine mickrigen Werke mehr: Mickry3 vor ihren Betonreliefs im Schulhaus Schütze. Bild: Dominique Meienberg

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Am Rand von Schlieren, da, wo es keinen Hipster je hinverschlägt und sich Stadtfuchs und Hase gute Nacht sagen, verbirgt sich hinter Industriehallen, parkierten LKW und dichten Hecken – ein Wundergarten. Skulpturen unter freiem Himmel, Holzverschläge, Container ... Willkommen auf dem Gelände der AZB (Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer)! Ganz am Ende des Areals rennt uns freudig bellend ein rotbrauner Hund entgegen: Monty, das Maskottchen von Mickry 3.

Als das Trio, gewissermassen die Charlie’s Angels der Zürcher Kunstszene, vor 13 Jahren sein Schlieremer Hauptquartier bezog, war dieses noch ein recht heruntergewirtschaftetes Ex-Materiallager. Über die Jahre haben die drei es in eine gemütliche Kreativfabrik umgewandelt: Arbeitsraum, Werkbank mit Limmatblick, ein wuchtiges Schubladenmöbel, in dem jedes Werkzeug sein eigenes, sauber angeschriebenes Plätzchen hat – und überall zuckerwattenrosa Schaumstoff, das Grundmaterial der meisten Mickry 3-Skulpturen.

Bei unserem Besuch ist das Atelier ungewöhnlich leer. Alle neuen Werke sind eben erst abtransportiert worden: an die Schau in der Rüegg-Stiftung (siehe Infos Box).

Beginnen wir ganz vorn, bei Ihrem Trio-Namen.
Ja, danach werden wir viel gefragt. (lachen) Also: Am Anfang haben wir kleine Comics gezeichnet, die wir auf Kommission in einem Comicshop auflegen durften. Auf dem Weg in den Shop schauten wir die verhutzelten, mickrigen Dinger an – und zack, schon stand der Name fest.

Wo haben Sie drei einander eigentlich gefunden?
Christina und Dominique gleich nach der Sek im musischen 10. Schuljahr. Wenig später, im Vorkurs der F+F-Kunstschule, lernte Christina Nina kennen und fand: Die ist cool. Die passt.

Sind Sie sich charakterlich ähnlich?
Nicht wirklich bis gar nicht. Ist aber fürs Zusammenarbeiten auch nicht nötig. Im Gegenteil: Die Unterschiede halten uns zusammen.

«Und es ist erst fertig, wenn alle drei sagen können: Es ist super.»Mickry3

Wie erschafft man ein Werk im Kollektiv?
Erst wird am Atelier-Küchentisch gebrainstormt. Manchmal ist auch schon eine Idee da, die uns beim Erarbeiten eines früheren Werks zuflog. Oder wir gehen so vor, dass jede einfach mal macht, und dann vergleichen wir und picken uns etwas raus. Anschliessend entstehen Skizzen und Modelle. Generell gehen wir von der Idee von einer aus, dann kommen Ideen der anderen beiden hinzu, so lang, bis wir nicht mehr wissen, was jetzt wessen Idee war. Am Schluss steht immer ein ­Gemeinschaftswerk. Und es ist erst fertig, wenn alle drei sagen können: Es ist super.

Was, wenn zwei es super finden und die Dritte noch nicht?
Das passiert oft. Klar ist es ärgerlich, wenn man schon zwei Woche lang in Blau gemalt hat, und dann findet eine plötzlich: «Wäre Rot nicht besser gewesen?» Dann bockt man vielleicht erst ein bisschen, aber rückblickend sagen die anderen beiden meistens: «Du hattest recht.»

Was inspiriert Sie?
Alles! (lachen, weil es unisono kommt) Gesellschaftliche Themen. Politisches. Schönheit. Oder das Innenleben ... Was auch immer einem begegnet, wenn man offen durchs Leben geht.

Mickry3 vor ihrem neusten Werk: Betonreliefs vor dem Schulhaus Schütze. Foto: Dominique Meienberg

Haben Sie eigentlich fixe Aufgaben in Ihrem Trio?
Ja und nein. Natürlich haben sich schnell mal Talente rauskristallisiert. Wir hatten eine Zeit lang festgefahrene Rollen, das Büro zum Beispiel. Aber wir rotieren bewusst immer wieder alle Aufgabenbereiche, um nicht träge zu werden, und vor allem kommunizieren wir das nicht nach aussen. Die Leute versuchen oft, auseinanderzubeineln, wer jetzt bei uns das Alphatier ist oder wer das Genie. So was gibts nicht, und drum bringt das auch nichts.

Wollte nie eine solo Kunst machen? Oder stand mal die Idee eines grösseren Kollektivs im Raum?
Manchmal denken wir: Ein Zahlenmensch wäre gut, so als vierter Mickry. Wir haben auch schon überlegt, ein Casting zu veranstalten, mit dem wir nach einem männlichen Mickry suchen. Übrigens steht es jeder von uns dreien frei, allein etwas zu machen – nur bisher hatte keine Lust dazu.

Das Blödeste, das je über Ihre Kunst gesagt wurde?
Einmal schrieb jemand, unsere Kunst sei «­etwas zwischen Pop und Kitsch». Seither wird das oft übernommen. Das nervt voll. Pop ja, aber Kitsch? Nä-ä!

«Wir erhalten viele Anfragen, ob wir nicht etwas zu einer Ausstellung beisteuern wollen – natürlich gratis.»Mickry3

Können Sie vom Kunstmachen leben?
Nicht ganz. Zu dritt sowieso nicht. Wir haben alle Nebenjobs, vom Blutkurierfahren übers Kellnern bis zur Pflanzenpflege. Da ist was falsch am System und an der Grundhaltung der Kunst gegenüber: Wir erhalten viele Anfragen, ob wir nicht etwas zu einer Ausstellung beisteuern wollen – natürlich gratis. Das ist nach 20 Jahren im Beruf einfach schwierig und stellt uns immer wieder vor unangenehme Grundsatzdiskussionen.

Eine Spezialität von Ihnen ist, dass Sie Werke immer und immer wieder überarbeiten. Zum Beispiel die Skulptur, die seit vier Jahren auf der Wipkinger Terrasse steht. Wann ist ein Werk fertig?
Das Wipkinger Werk war immer wieder fertig. Und dann haben wirs überdacht. Das war aber Teil des Konzepts, denn es heisst «Love Is the Message». Und Liebe ist ja Veränderung, ist Arbeit – ui, das klingt jetzt wirklich kitschig! (lachen) Uns macht es Freude, das Quartier immer wieder zu überraschen, das Werk plötzlich orange zu streichen oder ihm grosse Augen aufzumontieren. Unlängst hat jemand die Augen heruntergerissen. Klar, das ist das Risiko, wenn man Werke im öffentlichen Raum hat; solch plumper Vandalismus tut aber trotzdem weh. Da wärs uns fast lieber, ein Fan hätte sie geklaut.

Als die Augen noch da waren: «Happy By Nature» auf der Wipinkger Terrasse. Bild: zvg

Wie hat das Zusammenarbeiten Ihre Freundschaft beeinflusst? Und umgekehrt?
Früher haben wir oft bis in die Nacht hinein gearbeitet, uns fast jeden Tag gesehen. Jetzt hat Nina drei Kinder, da geht das nicht mehr. Aber auch sonst dosieren wir unser Zusammensein, als Arbeitskolleginnen wie als Freundinnen. Denn wenn man pausenlos zusammenhängt, wird es schwierig, einander kreativ zu überraschen. Wir probieren aber, einmal im Monat zusammen im Atelier Znacht zu kochen.

Gibts ein Mickry-3-Kultrezept?
Ofengemüse!

Wenn Sie zum Essen einladen dürften, wen Sie wollten, tot oder lebendig: Wer wäre das?
Urs Fischer (der Künstler, nicht der Fussballtrainer, Anm. d. Red.). Miriam Cahn (Basler Malerin). Und Herr Wurm (Erwin Wurm, österreichischer Plastiker).

Zwei Schweizer, interessant ... Gibt es etwas an Ihrer Kunst, das Sie typisch schweizerisch finden?
Den Humor. Da gabs und gibts ja bei uns ja einige glatte Vögel. Bei denen reihen wir uns gern ein. Gerade bei schwierigen Themen tut es doch gut, ­bisweilen etwas Leichtigkeit reinzubringen.

«Das Wort «Frauenkunst» ist irgendwie negativ ­behaftet, so gschpürschmi-mässig.»Mickry3

Sie haben schon Skulpturen von pissenden Pferden gemacht, gestiefelte Penisse und Kotzkübel ausgestellt. Keine Berührungsängste mit dem Profanen?
Es ist lustig: Machen wir so was, heisst es: «Ihr macht immer so Sexzeugs.» Kaum machen wir was anderes, heissts: «Ist jetzt etwas brav, hä?»

Ist Ihre Kunst speziell weiblich? Oder feministisch?
Das diskutieren wir untereinander immer wieder. Das Wort «Frauenkunst» ist irgendwie negativ ­behaftet, so gschpürschmi-mässig, weshalb wir unsere Kunst nie als das bezeichnen würden. Ist sie feministisch? Wahrscheinlich schon, aber nicht extra. Wir sind Feministinnen, aber wir setzen uns nicht hin und sagen: Jetzt machen wir mal ein feministisches Werk.

Sollte Kunst politisch sein?
Sollen ist prinzipiell ein unpassendes Wort in Zusammenhang mit Kunst. Abgesehen davon: Kunst darf gern politisch sein. Aber auch Schönheit ist eine Botschaft. Unsere Haupt-Message? Freude am Leben, vielleicht. Und dass es nie nur eine Sichtweise, nur ein Richtig und Falsch gibt, sondern dass die Wahrheit etwas Komplexes ist. Wenn jemand ein Werk von uns anschaut und erst denkt: «Jö, ist das herzig», und dann merkt er plötzlich, «Moment, das ist ja auch bitterböse» – dann stimmts für uns.

Zum Endspurt ein paar kurze, schnelle Fragen. Zirkus oder Oper?
Oper, Zirkus, Oper.

Fondueplausch oder 7-Gang-Luxusdinner?
Das Luxusdinner, bitte!

GC oder FCZ?
Ist uns wurscht.

Zum Schluss: Was ist gute Kunst?
Kunst ist gut, wenn sie einen berührt. Zum Denken anregt. Oder zum Lachen bringt. Wenn es beim ersten Blick funkt.

Erstellt: 30.08.2019, 21:53 Uhr

Aktuelle Schauen mit Mickry 3

Ich und die Anderen
Soloschau
Stiftung Kunstsammlung Rüegg,
Hottingerstr. 8
Vernissage: Do 18–20 Uhr Bis 2.11.

Spot on. Toilettengeschichten
Gruppenschau
Alte Fabrik, Rapperswil-Jona,
Klaus-Gebert-Str. 5
Bis 13.10.

Sexus und Herrschaft
Gruppenschau
Kunsthalle Schlieren, Gaswerkstr. 15
Vernissage: Sa 14.9., 15 Uhr Bis 26.10.

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