Der Bayer für starke Stücke

Kunst, Handwerk und Natur: Das ist die Wohlfühlzone von Ernst Gamperl – und die ist manchmal gar magisch.

Jedes Stück Holz weiss, was es sein möchte, ist Ernst Gamperl überzeugt: der Künstler mit seinen Objekten.

Jedes Stück Holz weiss, was es sein möchte, ist Ernst Gamperl überzeugt: der Künstler mit seinen Objekten. Bild: Bernhard Spoettel

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Ob ihm ein Stück wirklich gelungen ist, merkt Ernst Gamperl auf besondere Weise: Er kriegt Hühnerhaut. «Das ist wie bei einem Musikstück. Wenn es stark ist, bewegt es dich, berührt dich vielleicht sogar auf spiritueller Ebene.»

Womit eins klar wäre: Dieser Bayer ist kein Nullachtfünfzehn-Handwerker. Wenn man es nicht besser wüsste, man würde glauben, das Holz hätte ihn gerufen. Während seiner Schreinerlehre stellte er sich irgendwann an eine Drechselbank; und obwohl er keine Ahnung hatte, was man mit so einem Ding alles anstellen kann, fühlte er sich daran derart wohl, dass er sich fortan einfach alles selbst beibrachte. Oder, eben: Sein Werkstoff brachte es ihm bei. «Frag das Holz, was es sein möchte», heisst es auf Gamperls Website, «und lock dann genau das aus ihm heraus.»

Als seien die Werke natürlich gewachsen

Wenn man sich seine Objekte so ansieht – Schalen und Vasen, zum grössten Teil –, kommt man unweigerlich zum Schluss, dass Holz nichts Kantig-Eckiges sein will. Sämtliche Formen im Universum Gamperl sind abgerundet; Äste, Risse und Maserungen bewusst ins Design integriert; alles sieht aus, als sei es natürlich gewachsen (was es im Grunde ja auch ist). Grosse, braune Vasen erinnern an Wespennester, kleinere Objekte an Insektenkokons; und das ist derart innovativ, dass es beim Publikum bisweilen zu seltsamen Szenen kommt.

Zum Beispiel 2017 an der Endausscheidung zum Loewe-Preis (den das gleichnamige Modehaus für aussergewöhnliches Handwerk vergibt). Bei der Präsentation der Werke versammelten sich plötzlich alle Konkurrenten um Gamperls Objekte, ganz so, als wären sie magisch davon angezogen. Klar, wer den Preis gewann.

Unverkäuflich, weil alle ein Teil eines Organismus sind

In seiner ersten Ausstellung in der Schweiz zeigt der 54-Jährige nun sein Projekt «Lebensbaum». Letzterer ist eine fast 250 Jahre alte, von einem Sturm entwurzelte Eiche, aus der Gamperl in den letzten Jahren schon mehrere Dutzend Objekte gedrechselt hat.

Verkaufen will er die Stücke vorerst nicht: Sie sind alle Teil eines einzigen Organismus und gehören zusammen. «That’s very important», sagt Gamperl im Youtube-Filmchen zum Loewe-Preis in seinem charmanten, bayrisch gefärbten Englisch: «To be sensitive to what you are working with.» Wer mehr hören will, geht diesen Sonntag ins Gewerbemuseum. Dann führt Gamperl persönlich durch die Schau.

«To be sensitive to what you are working with»: Ernst Gamperl im Interview nach dem Loewe-Preis-Gewinn. Video: YouTube/Loewe

Gewerbemuseum Winterthur
Winterthur, Kirchplatz 14
Vernissage: Sa 25.5. 16 Uhr
Dialogische Führung mit Ernst Gamperl und Markus Rigert, Co-Leiter
Gewerbemuseum: So 26.5. 11 Uhr
Bis 3.11.
Di–So 10–17 Uhr, Do 10–20 Uhr
Eintritt 12 / 8 Franken
www.gewerbemuseum.ch

Erstellt: 24.05.2019, 09:00 Uhr

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