Der Bewegungsmacher

Von den Strassen Johannesburgs ans Sihlufer: Der Street-Artist Robin Rhode hat den 11. Zurich Art Prize gewonnen. Zum Auftakt seiner Preisausstellung in Zürich lässt er sich von der Museumsdecke abseilen.

Street-Art mit Human Ressources: eines von Robin Rhodes Wandgemälden.

Street-Art mit Human Ressources: eines von Robin Rhodes Wandgemälden. Bild: Robin Rhode/Kamel Menour/Paris/London

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«Okay, ich bin verknallt», murmelt die Redaktionskollegin, die mir über die Schulter schaut, während ich mich durch die Website von Robin Rhode klicke. Sie meint weniger den Künstler als vielmehr seine Werke, und es stimmt: Man muss schon arg visuell abgebrüht sein, um gegen die coole Dynamik der Würfe des 42-jährigen Südafrikaners immun zu sein.

Wobei, das Attribut «südafrikanisch» solle man bitte zurückhaltend verwenden, meinte Rhode kürzlich in einem Interview mit einem Kunstmagazin; die Leute würden dann nämlich Exotik erwarten. Und bunte Glasperlen, Holzschnitzereien und Co. kann man bei Rhode tatsächlich lange suchen: Der Mann macht Street-Art – mit choreografischer Beilage.

Gelenkige Mitarbeiter und klick – ein Foto

Wie das geht? Erst sucht sich Rhode eine schöne, grosse Wand in den Backstreets von Johannesburg – und malt zum Beispiel ein paar Dreiecke drauf (s. Bild). Dann macht er ein Foto davon. Anschliessend tritt ein Tänzer oder sonst ein gelenkiger Mitarbeiter auf den Plan und tut so, als würde er die Wand mit dem Handrasenmäher bearbeiten. Wieder ein Foto.

Die Arbeit «Evergreen» war schon mal in der Schweiz: 2017 wurden Fotos davon an der Art Basel gezeigt. Bild: Robin Rhode/Stevenson Gallery, johannesburg/Kapstadt

Jetzt passt Rhode das Dreiecksmuster so an, als habe es sich durch Zutun des Rasenmähers verändert – klick, wieder ein Foto. Und so geht das weiter und immer weiter: Malen, Posing, Foto; Malen, Posing, Foto. Am Schluss sind da eine vollgemalte Wand und die fotografische Dokumentation eines «Pas de deuxs» zwischen Mensch und gemaltem Objekt. Die Fotos werden am PC bearbeitet und zu einer Bildfolge oder einem Stop-Motion-Video zusammengestellt. Und die Wand? Wird schön sauber gemacht, als wäre nie was passiert.

Was am Ende so verspielt wirkt, ist in Wahrheit das Resultat einer straffen Choreografie – man sehe sich im Netz die Making-of-Filmchen an, in denen Rhode aus dem Off Anweisungen durchgibt wie ein kreativer Drill-Sergeant – und einer minutiösen Planung. Die passiert meist in Berlin, wo Rhode seit 2002 lebt. In einer ausgedienten Destillerie tüftelt er mit einer Handvoll Assistenten an seinen Projekten. Für die Durchführung zieht es ihn aber stets in die Heimat: Ohne den «Spirit» von Johannesburg, sagt Rhode, gehe es nicht; manchmal drücken in den Arbeiten auch Auswirkungen der Apartheid oder ähnliche Themen durch.

So entstehen Rhodes Werke: Making-of-Video. Video: YouTube/Art21

Als Politkünstler will sich Rhode aber nicht verstanden wissen, lieber fliegt er frei und macht, wonach ihm grade der Sinn steht. Seine Street-Art ist weder anarchistische Übernahme des öffentlichen Raums noch Protest gegen irgendein System. Sie ist eine kleine, gut geölte Maschine, wo oben viel Denkarbeit und Disziplin rein- und unten Werke rauskommen, deren Preise mittlerweile im fünfstelligen Bereich liegen.

Er will das Publikum destabilisieren

Überhaupt scheut sich Rhode nicht, mit der grossen Kelle anzurühren. 2015 inszenierte er Arnold Schönbergs 30-Minuten-Oper «Erwartung» – auf dem Times Square in New York. Da ist der Zurich Art Prize (s. Box), den er nun gewonnen hat, fast schon ein kleiner Fisch. Dennoch lässt Rhode es sich nicht nehmen, an der Vernissage live zu malen – mit Autoteilen. Während er von der Decke baumelt. Einfach ein lustiger Stunt? Nicht doch. Wo Rhode draufsteht, da steckt Konzept drin. Wie nennt er das noch mal, was er mit seinen Liveperformances bewirken will? Das Publikum «destabilisieren.»

Museum Haus Konstruktiv
Selnaustr. 25
Vernissage: Mi 18 Uhr, Performance von R. Rhode: 18.45 Uhr
Ausstellung bis 13.1.2019
Mi 7.11., 18.30 Uhr: Rundgang mit R. Rhode www.hauskonstruktiv.ch

Erstellt: 17.10.2018, 17:51 Uhr

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