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Der letzte Geheimtipp

Der Maler Wilhelm Leibl wurde von Van Gogh, Manet und Courbet bewundert. Nur nicht vom breiten Publikum.

«Mädchen mit weissem Kopftuch» (1876 / 77), eine Leihgabe aus der Neuen Pinakothek in München.
«Mädchen mit weissem Kopftuch» (1876 / 77), eine Leihgabe aus der Neuen Pinakothek in München.
Bayerische Staatsgemäldesammlungen München

Wenn man sich die zwei Zitate aus seinem Wikipedia-Eintrag durchliest, könnte man meinen, Wilhelm Leibl (1844-1900) sei ein ziemlicher Nörgler gewesen. Zum einen jammert er da in einem Brief an Mutti, er habe «immer in den dürftigsten Verhältnissen gelebt und den Ärger zu verbeissen gehabt, meine Ansichten misskannt zu sehen». Zum andern dirigierte er die Mitmenschen buchstäblich bis zu seinem letzten Atemzug herum und blaffte, unmittelbar, bevor er starb: «Zurück! Ich muss sterben!»

Was lernen wir daraus? Erstens, dass Wikipedia nur bis zu einem gewissen Punkt zu trauen ist, weil nämlich Leibl ein so Grummliger gar nicht war. Und dass er aber, zweitens, was seine Bekanntheit angeht, tatsächlich nie auf einen grünen Zweig kam. Dabei hätte er durchaus das Zeug dazu, mit den ganz Grossen seiner Zeit – Manet, Van Gogh, Courbet – in einem Atemzug genannt zu werden: Alle drei bewunderten, wie er malte. Bloss, dass das dem Publikum schnuppe war – und leider bis heute ist.

Warum? Vielleicht wegen seiner Motive. Leibl – in Köln als Sohn des Domkapellmeisters geboren und später in Bayern, zu Haus, auf dem Land – malte am liebsten die Leute, die ihn umgaben. Sprich: Bauern. Doch anders als bei Albert Anker, wo dieses Bildpersonal etwas Lieblich-Pastellenes hatte, setzte Leibl auf kühles Grau-Braun.

Logisch. Ein Realist bis auf die Knochen, verbat er sich jegliche Beschönigung – was dem Zeitgeist derart voraus war, dass Superfotograf Wolfgang Tillmans Leibl heute als sein Idol bezeichnet. Und mal ehrlich: Ist das «Mädchen mit weissem Kopftuch» (s. Bild) nicht so was wie Vermeers «Mädchen mit Perlohrring», einfach in nüchtern? Eben! Also: Wer etwas auf seinen Kunstverstand hält, geht jetzt in diese lang überfällige erste Schweizer Leibl-Retrospektive und macht die Entdeckung des Jahres.

P.S.: Im Frühling reist die Schau in die Wiener Albertina weiter. Und dort wird nun wirklich nur gezeigt, was künstlerisch sehr, sehr viel Fleisch am Knochen hat.

Kunsthaus Heimplatz 1 Ab Freitag 25.10. Bis 19.1.2020 Eintritt 16 / 11 Frankenwww.kunsthaus.ch

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