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Die Spätzünderinnen

Die US-Amerikanerin Margot Bergman ist 85 – und bekommt jetzt ihre erste Ausstellung in Europa. Damit steht die Autodidaktin nicht allein da.

«Nanette» von Margot Bergman aus dem Jahr 2003.
«Nanette» von Margot Bergman aus dem Jahr 2003.
Margot Bergman

Kennen Sie das? Sie stehen auf einem Gipfel, und plötzlich nehmen die umliegenden Berge Gestalt an. Ein Fels wird zur Fratze, ein markanter Spitz zur Nase eines Riesen, Lärchen auf Alpweiden verwandeln sich in die Wimpern einer schönen Bergfee. Magie der Vorstellungskraft.

So ähnlich muss es der US-Malerin Margot Bergman ergehen, wenn sie Landschaften betrachtet. «Ich habe immer Gesichter gesehen», sagt die öffentlichkeitsscheue Künstlerin in einem ihrer seltenen Interviews in einem Kunstblog.

Wer aber ist die Frau, die im Alter von 85 Jahren auf dem europäischen Kunstradar erscheint? An der Art Basel 2017, erzählt Museum-Langmatt-Direktor Markus Stegmann, habe es Klick gemacht: Die verschrobenen, naiv gemalten Porträts zogen ihn in ihren Bann. «So verzagt sie zunächst erscheinen, so in sich ruhend blicken sie uns entgegen», schreibt er nun im Katalog zu Bergmans Ausstellung, die erst in Baden und danach in Essen, im Museum Folkwang, gezeigt wird.

Malen selber beigebracht

Die 1934 in Chicago geborene Bergman führt erst ein unspektakuläres Leben. Sie heiratet, kriegt Kinder. Später nimmt die Autodidaktin Malunterricht am Art Institute of Chicago. Gleichzeitig klappert sie Flohmärkte ab, kauft Bilder anonymer Künstler und übermalt sie.

So setzt sie etwa Augen in bestehende Landschaften, lässt aus Baumwurzeln einen Pony wachsen und schenkt dem Gesicht gletscherseefarbene Wangen. Fast poppig sieht das aus, mit einem Schuss Melancholie und Wahn, als wärs der Outsider Art oder dem Surrealismus entsprungen. Vom Hilferuf einer frustrierten Hausfrau sprechen ­Feministinnen.

Kunst mit Seele

Nur, wie ist der weit aufgerissene Mund einer blassen Frau zu verstehen, als hätte hier Munchs stummer Schrei Pate gestanden? Dass der Schlund den Blick über eine gekrümmte Strasse in die Ödnis freimacht, lässt auf existenzielle Nöte schliessen. Und wenn auch die Malerin ihren Figuren reale Namen gibt wie «Lee», «Grandma» oder «Brenda», so verbirgt sich dahinter wohl doch eine gute Portion eigene Künstlerinnenseele. Ist dem so, Frau Bergman? «Ich schaue, ich sehe und ich wachse», mailt sie. So einfach ist das.

Neuerdings zeichnet Bergman übrigens Hasen und füllt die Tierkörper mit blutroten Mohnblüten. Sie hat aufgehört, Landschaften zu übermalen. Stattdessen setzt sie sich vor eine leere Leinwand und malt ohne die Gehilfenschaft anonymer Hobbykünstler. In Grossformat.

Langmatt Baden, römerstr. 30 Vernissage Sa 17 Uhr Bis 28.4. Fr 22.3., 17 Uhr: «Lange Jahre bis zum Licht: Künstlerinnen und ihre späte Würdigung». Talk mit «Züritipp»-Kritikerin Feli Schindler und Museumsdirektor Markus Stegmann.www.langmatt.ch

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