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«Ein Gedicht ist keine Prüfung»

Rémi Jaccard ist Co-Leiter des Literaturmuseums Strauhof. Wie stellt man Lyrik aus – und ist sie nicht etwas langweilig?

Hat die Ausstellung «Gedicht / Gesicht» zur Gegenwarts- lyrik kuratiert: Rémi Jaccard.
Hat die Ausstellung «Gedicht / Gesicht» zur Gegenwarts- lyrik kuratiert: Rémi Jaccard.

Lyrik - wie langweilig!

Keineswegs! Lyrik ist kurzweilig, wie bereits Marilyn Monroe wusste: «I read poetry to save time.»

Wie stellt man Lyrik überhaupt aus?

Im Strauhof haben wir 99 drehbare, doppelseitig bedruckte Tafeln installiert. Auf der einen Seite sind die Porträts von 99 zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern zu sehen und auf der Rückseite jeweils das Gedicht, mit dem sie auf ihr Bild reagieren. Zudem bieten wir eine Lyrikbibliothek und eine Videogalerie mit Poetry-Clips.

Wozu braucht es Lyrik eigentlich noch, im Jahr 2019?

Für unsere Ausstellung haben wir rund 40 Dichterinnen und Experten gefragt, was sie an Lyrik fasziniert. Literaturkritikerin Beate Tröger meint: «Die Lyrik erweitert euren Wortschatz, die Lyrik erweitert euer Ausdrucksvermögen, die Lyrik erweitert eure Vorstellungskraft, die Lyrik zeigt etwas, das ihr schon hundertmal gesehen habt, zum hunderteinten Mal neu.»

«Die Reduktion erscheint auf den ersten Blick vielleicht banal, funktioniert aber gerade durch das raffinierte Ineinandergreifen von Form und Inhalt.»

Rémi Jaccard

Ich bin eine Lyrik-Jungfrau. Mit was (bzw. wem) fange ich an?

Für Gegenwartslyrik natürlich mit unserer Ausstellung! Ansonsten: Christian Morgensterns «Galgenlieder» – kritisch, witzig und auf den Punkt.

Gabs bei Ihnen einen Klick-Moment, in dem Sie begriffen haben: «Aha, so toll kann Lyrik also sein!?»

Eugen Gomringers «schweigen»: Ein Bildgedicht aus fünf Zeilen, vierzehnmal dasselbe Wort und eine Lücke im Zentrum. Die Reduktion erscheint auf den ersten Blick vielleicht banal, funktioniert aber gerade durch das raffinierte Ineinandergreifen von Form und Inhalt.

Was würden Sie jemandem raten, der partout keinen Zugang zur Lyrik findet? Einen Einstiegstrick, ein «Werkzeug», eine «Einstiegsdroge»?

Mit einem kleinen Kind gemeinsam einen Abzählreim aufsagen: «azelle, bölle schäle…» Wie eingängig die Verbindung von Rhythmus und Reim ist, zeigt sich sofort.

Muss man Lyrik verstehen?

Nein, ein Gedicht ist keine Prüfung, bei der man die richtige Antwort kennt oder eben nicht. Aber eine gewisse Freude, Sinn und Zusammenhänge zu erkunden, ist sicherlich nicht verkehrt.

«Gute Lyrik verdichtet Sprache und spielt mit ihrem Klang.»

Rémi Jaccard

Was macht gute Lyrik aus?

Gute Lyrik verdichtet Sprache und spielt mit ihrem Klang. Sie kann hochkomplex, voller Anspielungen und rhetorischer Figuren sein, aber auch direkt und eindringlich sein. Bei einem gelungenen Gedicht bedingen sich Form und Inhalt und greifen ineinander.

Was ist besser: Sich Lyrik vorlesen lassen, oder selbst lesen?

Wenn Sie jemanden zur Hand haben, der oder die gut performen kann: vorlesen. Ansonsten lieber selber lesen.

Welche Lyrik ist besser? Die, die sich reimt, oder die, die sich nicht reimt?

Welches Bild ist besser, das mit dem Vogel oder das mit dem Quadrat?

Ihre persönlichen Favoriten?

Bei uns sind das zum Beispiel «Selbstporträt unterwegs» von Zsuzsanna Gahse – bildhaft und clever komponiert. Oder Jürg Halters «Spiegelbild», das in wenigen Zeilen erkenntnistheoretische Fragen aufzeigt.

Strauhof Augustinergasse 9 Vernissage mit Auftritten der Dichterin Nora Bossong und des Dichters Franz Dodel: Do 27.6. 18.30 Uhr Bis 15.9. Di–Fr 12–18 Uhr, Do 12–22 Uhr, Sa / So 11–17 Uhr Nächste Führung mit Rémi Jaccard: Mi 3.7., 12.15 Uhr Eintritt 10 / 6 Franken, unter 16 J. gratiswww.strauhof.ch

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