Hier ist Anfassen erlaubt

Das Alterthümer-Magazin ist nicht nur eine Fundgrube für historische Objekte, sondern auch an Geschichten. Ein Besuch im Archiv.

Das Magazin hat neben profanen auch sakrale Objekte in seiner Sammlung: Ausstellungsansicht der aktuellen Schau «Weg damit! Zürcher Abbruchgeschichten».

Das Magazin hat neben profanen auch sakrale Objekte in seiner Sammlung: Ausstellungsansicht der aktuellen Schau «Weg damit! Zürcher Abbruchgeschichten». Bild: Urs Siegenthaler

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Prominent prangen die Buchstaben A und M auf dem grossen Rolltor. Nicht gleich dahinter, sondern in den Tiefen des Gebäudes, wo einst die Kühlanlage einer Migros-Filiale stehen sollte, sind die Schätze der Denkmalpflege gelagert. Im Alterthümer-Magazin – die Leitung fand die alte Rechtschreibung für die Sammlung mit den alten Objekten passender als die neue – sind vor allem historische Artefakte aus den letzten 150 Jahren ausgestellt, einzelne sind wesentlich älter.

So viel Stadtgeschichte auf so kleinem Raum gibt es wohl selten in Zürich. Und so viel Wissen über die Stadtchronik wie Sandrine Keck haben, neben Denkmalpionier Peter Baumgartner, der das Magazin 2011 gegründet hat, wohl auch wenige.

Anfassen ist nicht erlaubt, sondern erwünscht

Ob zum Stöpseltelefon aus dem Rathaus, das per Zufall bei einem Umbau entdeckt wurde, zum «Lavator», der ersten motorenbetriebenen Waschmaschine, oder zu einer unscheinbaren Glühbirne: Keck kennt alle Geschichten. Sie nimmt die Kabel in die Hand, hebt die Trommel aus der antiken Waschmaschine, fasst die alten Türknaufe an. Denn so alt die Gegenstände sein mögen, sie sind Alltagsobjekte. «Man soll als Besucher die Bau- und Wohnkultur erleben können», sagt Keck. Deshalb ist Anfassen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Möglich ist das vor allem wegen der wenigen Besucher: Geöffnet hat das Magazin nur während Führungen und in der «Langen Nacht der Zürcher Museen».

Lässt bei vor allem bei Besucherinnen Erinnerungen hochkommen, sagt Sandrine Keck: Der «Lavator» von Schulthess aus den 1910er-Jahren.

Sandrine Keck deutet auf eine Kugel: «Sie wurde in einer Fassade gefunden und für eine Kanonenkugel gehalten. Doch wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Stosskugel aus der Leichathletik.» Doch neben Geschichten erzählen will sie vor allem sensibilisieren. «Nur weil etwas nicht 100-jährig ist, heisst das nicht, dass es nicht relevant ist», sagt Keck. Entscheidend sei der kulturhistorische Wert. Objekte wie die alten Leuchtbuchstaben des Bally-Hauses oder eine UFO-artige Lampe aus dem ersten Betonschulhaus in Altstetten sind solche Beispiele.

Das Alterthümer-Magazin ist auf Bauteile spezialisiert: Dazu gehören Fenster genauso wie Toiletten. Bild: Urs Siegenthaler.

Doch wie kommt das Magazin zu diesen Objekten? «Die Leute kommen auf uns zu, wenn alte Häuser umgebaut oder abgerissen werden», sagt Keck. Eine aktive Akquise werde nicht betrieben. Das ist auch nicht nötig: Das Magazin, dessen Hauptlager eigentlich in Stettbach ist und 1500 m² umfasst, platzt aus allen Nähten. Denn gesammelt wird nicht nur, um die Vergangenheit zu dokumentieren, sondern auch, um den Türen, Badewannen, Kachelöfen und Tapeten wieder Leben einzuhauchen – indem sie wieder eingebaut werden.

Linoleumböden aus dem Jahr 1933

«Soeben haben wir der Kunstgewerbeschule geholfen, ein Schulzimmer mit den Originallampen und -linoleumböden von 1933 einzurichten», erzählt die Denkmalschützerin sichtlich stolz. Durchschnittlich würden pro Monat etwa bei zwei denkmalgeschützten Gebäuden Bauteile eingesetzt.

Spätestens als man wieder am Tageslicht ist und nach Kecks Geschichten mit offeneren Augen durch Zürichs Strassen läuft wird klar, dass das Magazin nicht nur die unscheinbare Hüterin von historisch wichtigen Bauteilen ist, sondern eben auch von Geschichten aus dem Zürcher Alltag der letzten Jahrhunderte.

Alterthümer-Magazin
Sihlamtstr. 4
Öffentliche Führungen jeden ersten Mittwoch (18.30 Uhr) und ersten Samstag (14 Uhr), Sommerpause im August
Eintritt 5 Franken
Gruppenbesuche ausserhalb der Öffnungszeiten auf Anfrage
www.denkmalpflege.zh.ch

(Züritipp)

Erstellt: 08.07.2018, 09:31 Uhr

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