Fälscher mit Millionenverdienst

Wolfgang Beltracchi gilt als der gerissenste und talentierteste Kunstfälscher der Nachkriegszeit. Er verdiente ein Vermögen und landete im Knast. Jetzt werden seine Bilder ausgestellt.

Wolfgang Beltracchi sieht zwar ein bisschen wie Albrecht Dürer aus, ist aber inzwischen ein eigenständiger Künstler.

Wolfgang Beltracchi sieht zwar ein bisschen wie Albrecht Dürer aus, ist aber inzwischen ein eigenständiger Künstler.

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Die beste Episode ist immer noch die mit dem getürkten Foto. Als Wolfgang Beltracchi eines seiner gefälschten Gemälde verkaufen wollte, gab er dem ahnungslosen Käufer an, der Schinken habe mal dem Opa seiner Frau gehört. Als «Beweis» hielt er ihm ein Foto unter die Nase, auf dem die «Oma» – in Wahrheit Beltracchis altmodisch gestylte Frau Helene – in ihrem Stübchen sass, neben ihr an der Wand das betreffende Bild. Wer wäre schon darauf gekommen, dass das Ehepaar Beltracchi zuvor eine Ecke des eigenen Schlafzimmers auf alt tapeziert, eine antike Kamera und Vintage-Fotopapier aufgetrieben und beim fertigen Schnappschuss dann noch die Ecken ausgefranst hatte? Der Interessent kaufte das Bild, Beltracchi war wieder um eine Million reicher und konnte sich in sein Atelier in Frankreich zurückziehen, um das nächste Bild für den nächsten Coup zu malen.

So lief das über Jahrzehnte. In dieser Zeit soll Beltracchi Dutzende, ja Hunderte Bilder in den Kunsthandel eingespeist haben – inklusive der typischen, mit Tee vergilbten Etiketten auf der Rückseite der Bilder und des hinter den Keilrahmen eingestreuten Staubs: Denn wenn ein Bild auf dem Estrich «aufgetaucht» sein soll, dann muss da auch ordentlich Dreck dran sein.

Ein paar Jahre im Knast

Bisweilen passierte es Beltracchi, dass er sich in einem Museum eine Ausstellung ansah, und da hing doch tatsächlich ein Bild von ihm an der Wand. Und hätte nicht eine penible Galeristin eine Farbanalyse bei einem seiner Gemälde vornehmen lassen, bei der ein Pigment entdeckt wurde, das zu Lebzeiten des angeblichen Urhebers noch gar nicht existiert hatte – wahrscheinlich würde Beltracchi noch heute in Südfrankreich sitzen und heiter «Picassos», «Matisses» und «Max Ernsts» produzieren.

Das Schicksal (oder die Gerechtigkeit?) wollte es anders. Beltracchi wanderte für ein paar Jahre in den Knast, Villa und Geld sind weg. Seine Helene (der Wolfgang übrigens den klingenden Nachnamen verdankt) ist ihm aber erhalten geblieben; ebenso sein trockener Humor, wie man unlängst in einer 3sat-Dokuserie sehen konnte. Beltracchi porträtierte vor laufender Kamera Promis wie Christoph Waltz und Bling-Bling-Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, jeweils im Stil eines anderen weltberühmten Malers. Harald Schmidt wurde à la Otto Dix gemalt (und dabei zehn Jahre älter gemacht; er hasste das, gab sich aber alle Mühe, sich nichts anmerken zu lassen). Während der Porträtsitzung startete Schmidt einen Verbrüderungsversuch mit dem Ex-Meisterfälscher und meinte: «Als Sie ins Gefängnis mussten, gings auch mit meiner Sendung langsam bergab.» Darauf Beltracchi, wie immer in einem seiner komischen T-Shirts mit Herzen und Totenköpfchen drauf: «Ich habe nicht das Gefühl, dass es für mich bergab ging. Das ist der Unterschied zwischen uns beiden.»

Stimmt ja auch: Der Ruhm kam bei ihm erst, als seine kriminellen Machenschaften aufflogen. Die Justiz war gnadenlos, aber die Leute liebten ihn. Da hatte einer mal eben den ganzen Kunstbetrieb vorgeführt, der sich ja gern moralisch unantastbar gibt, während er mit ­astronomischen Summen und akademischen ­Verklausulierungen jongliert.

Und heute? Die Haftstrafe ist verbüsst, Gras über die Sache gewachsen. Und Wolfgang Beltracchi malt wieder. Eigene Sachen, allerdings; unmoralische Angebote – die es gibt – ignoriert er. Die jahrzehntelange Auseinandersetzung mit den ganz Grossen der Kunstgeschichte, die sieht man den neuen Werken aber immer noch an.

Galerie Nievergelt, Dübendorf Vernissage in Anwesenheit von Wolfgang und Helene Beltracchi. (Zueritipp)

Erstellt: 19.04.2017, 15:18 Uhr

Alles fake

Wolfgang Beltracchi war nicht der Einzige

Der Fall Tom Sack
Cara Gano, eine in Paris geborene Spanierin, oder der lange verkannte Joe Kapingo: Das waren Künstler, die der deutsche Jurist Tom Sack vertrat und deren Werke er verkaufte, für viel Geld. Zum Beispiel ein kleines Acrylbild von Gano für 41700 Euro. Das Problem war: Diese Künstler gab es nie. Sie waren Erfindungen Sacks, der die Werke selbst hergestellt hatte. Mit dieser Masche ergaunerte er rund eine Million Euro. 2010 wurde er zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Der Fall Knoedler/Rosales
2011 stellte die Galerie Knoedler in New York Knall auf Fall den Betrieb ein, weil publik wurde, dass die Kunsthändlerin Glafira Rosales einen chinesischen Einwanderer Dutzende Gemälde von Mark Rothko, Jackson Pollock und Willem de Kooning hatte fälschen lassen, die sie im Laufe von 14 Jahren über die Galerie zu Geld gemacht hatte. Die Rede war von 80 Millionen Dollar. Der Fall schwappte bis nach Zürich über: Oliver Wick, damals erst seit ein paar Monaten Kurator am Kunsthaus, hatte einen der Rothkos für echt erklärt – und für seine Expertise 300'000 Dollar eingestrichen.

Der Fall Konrad Kujau
«Maler, Künstler, Schlitzohr»: So charakterisierte sich Konrad Kujau, der die Hitler-Tagebücher fälschte, diese 1983 für sagenhafte 9,3 Millionen Deutsche Mark an den «Stern» vertickte und hinter Gitter musste. Nach der Haftstrafe malte er sich frivol durch die Kunstgeschichte. Die «Original Kujau-Fälschungen» wurden zur Marke – und waren so begehrt, dass sie nach seinem Tod 2000 selber gefälscht wurden.

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