Schräge Typen

Sie hiessen Bruderschaft der neuen Holzköpfe und führten in den 90ern schräge wie hochpolitische Aktionen durch.

Warm war es bei dieser Aktion wohl nicht: «Gesegneter Ostersonntag», eine Kunstaktion der Bruderschaft der neuen Holzköpfe.

Warm war es bei dieser Aktion wohl nicht: «Gesegneter Ostersonntag», eine Kunstaktion der Bruderschaft der neuen Holzköpfe. Bild: Bruderschaft der neuen Holzköpfe/Klavdia Alexeeva

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Kommen drei Typen im Wald zusammen und veranstalten ein FKK-Picknick. Klingt wie der Anfang eines doofen Witzes? War aber Kunst! Genauer: eine Performance, die am Ostersonntag des Jahres 1999 in St. Petersburg über die Bühne ging. Und die nun, via Fotos, auch in Zürich (und erstmals ausserhalb Russlands) zu sehen ist.

Die drei Nackedeis, die sich so ungezwungen Kuchen, hart gekochte Eier und Wodka zu Gemüte führten, gehörten einer achtköpfigen Künstlergruppe an, die den schönen Namen Bruderschaft der neuen Holzköpfe trug und die Ende der 1990er einen ganzen Haufen solch lustiger Aktionen durchzog.

Nur auf den ersten Blick kindisch

Ob die selbst ernannten Holzköpfe nun ein «Leckt uns am Arsch!»-Transparent vor ihrer Stammgalerie hissten (das immerhin mit Blümchen verziert war), das Ewige Feuer auf dem St. Petersburger Marsfeld mit einem Mantel löschten oder einen Pfeil mit der Aufschrift «EXIT» durch eine Kirchenkuppel schossen: Es war stets etwas kindisch, was sie da trieben.

Zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten nämlich tut sich da ein gesellschaftspolitischer Subtext auf, der es in sich hat. Kein Wunder, eigentlich. Es war die Zeit, als Russland nach Jahrzehnten im kommunistischen Dornröschenschlaf in einer Welt aufwachte, in der der Kapitalismus nur so brummte. Man war überfordert von all den neuen Möglichkeiten, zugleich steckte man in der Tradition fest, die sich nicht von heute auf morgen abschütteln liess und die einem, zu gewissen Teilen, ja auch ans Herz gewachsen war.

Ausgeklügelte Streiche

Die Umwälzungen in Politik, Gesellschaft und Religion; die Widersprüche, die man unter einen Hut zu bringen versuchte; die tragikomischen Momente des neuen Alltags: All das spiegelt sich in den Streichen der Holzköpfe. Dass die sich, bei allem Herumgeblödel, bestens in der Kunstgeschichte auskannten und diese gern zitierten (beim nackten Osterbrunch etwa Manets «Frühstück im Grünen»), ist das Zückerli dieser Neuentdeckung.

Die Truppe kannte im Westen bisher niemand – und im Osten auch nur die wenigsten. Kurator und Holzkopf-Landsmann Peter Belyi hat nun 25 Aktionen zu einer Video- und Fotoschau zusammengestellt; im Textheft, das man auf den Rundgang mitbekommt, erinnern sich die Holzköpfe persönlich, wie das damals war. Und im Talk kann man drei von ihnen fragen, was sie heute so treiben.

Kunsthalle
Limmatstr. 270
Bis 26.5.
www.kunsthallezurich.ch

(Züritipp)

Erstellt: 13.02.2019, 18:25 Uhr

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