Sexy Zeugs and the City

Als Fotoreporter dokumentierte Willy Spiller das bieder-freizügige Zürich der 70er – und erzählt nun die Geschichten zu den Bildern.

Zwei Ringer im Hallenstadion: ««Würger von Lissabon» gegen den ‹Blauen Engel von Paris›, ‹Catch-as-catch-can›, Freistilringen im Hallenstadion, Zürich, 1974».

Zwei Ringer im Hallenstadion: ««Würger von Lissabon» gegen den ‹Blauen Engel von Paris›, ‹Catch-as-catch-can›, Freistilringen im Hallenstadion, Zürich, 1974». Bild: Willy Spiller

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schäbig, trist und «unglaublich provinziell», wie der Fotograf Willy Spiller bei einem Treffen selbst sagt, war das Zürich der 60er- und 70er-Jahre. Damals, als die Stadt gefangen war zwischen sexueller Revolution und Biederkeit, zwischen Tristesse, Exotik und Umbruch, begann Spiller nach seinem Abschluss der Fotofachklasse 1968, das Leben in der Stadt für Zeitungen wie die «Neue Presse» oder den «Züri Leu» festzuhalten. «Als Fotoreporter hatte ich nur eine Aufgabe: Die Ereignisse möglichst klar und die ganze Geschichte in einem visuell ansprechenden Bild zu verpacken», sagt der heute 71-Jährige.

Dabei brauchte es erst Mark Twain und dessen Lokalreportagen, um den Zürcher für die kleinen Geschichten zu begeistern. Doch von da an, sagt Spiller, habe ihn alles interessiert: die Chnelen und Puffs, der Zoo und die Oper, die Künstler und Kundinnen in den Coiffeursalons. Spiller hat zudem so intensiv wie kaum ein anderer die Jugendunruhen dokumentiert – «immer mit einer Krawatte, damit mich die Polizei nicht angriff», erzählt er schmunzelnd.

Einen Teil der Zürcher Fotos, die nun in der Bildhalle und in einem dazugehörigen Bildband zu sehen sind, hatte Spiller bereits 1977 in einem Buch veröffentlicht. Doch ein Nostalgiker ist Spiller nicht, trotz der vielen Geschichten, die er erzählt.

Sozialer Wohnungsbau, Triemli, Zürich, 1974. Bild: Willy Spiller

«Als ich auf Szenerien wie die hier traf, wähnte ich mich jeweils in einem Film der italienischen Neorealisten wie Roberto Rossellini, deren Ästhetik mich stark beeindruckte. Danke, Zufall!, dachte ich mir dann. Dabei musste ich mir als ‹Züri Leu›-Reporter oft den Vorwurf gefallen lassen, dass ich nur die schönen Seiten Zürichs ­zeigen würde – aus heutiger Sicht und beim Anblick solcher Bilder eigentlich ­unverständlich.»

David Weiss und Urs Lüthi spielen Huckepack vor ihrem Atelier, Stüssihofstatt 10, Zürich, 1970. Bild: Willy Spiller

«Diese Fotografie entstand im Zug eines gemeinsamen Projekts mit David Weiss – später Teil des Duos Fischli/Weiss –, mit dem ich an der Kunsti studierte und der später ein Atelier mit Urs Lüthi teilte. In einem sehr schlechten Offsetdruck ver­öffentlichten wir acht Fotografien von David und Urs unter dem Titel ‹Sketches›. Das Mäppchen, das damals eine Auflage von 100 Stück hatte, geniesst heute Kultstatus.»

E. W., Herausgeber eines Kontakt-Magazins, mit Mitarbeiterinnen, Zürich, 1973. Bild: Willy Spiller

«In den 70ern gab es sehr viel so sexy Zeug; die Nachtclubs, hüllenlose Modenschauen, Fotosalons wie das ‹Klick und Fick›. Diese Offenherzigkeit und Freizügigkeit war damals neu. Diese Frauen hier, angestellt zur Lancierung eines Pornohefts, waren am Ende des Abends lange nicht mehr so zugeschnürt wie auf diesem Bild.»

Ankunft tamilischer Flüchtlinge, Flughafen Kloten, 1974. Bild: Willy Spiller

«Es war der Beginn der tamilischen Flüchtlingsbewegung, als ich an den Flughafen geschickt wurde, um diese zu dokumentieren. Ich hätte die Menschen auch mit ihrem ganzen Hab und Gut in der Ankunftshalle zeigen können oder ihr Leben in der Stadt. Doch für mich war dies das Bild, das alles aussagt: wie die Neuen auf die Einheimischen treffen. Und es erzählt symbolisch eine Geschichte der Skepsis gegenüber dem Fremden; auch wenn die Frauen vielleicht gar nicht so argwöhnisch waren, wie es hier scheint.»

Restaurant «Räuberhöhle», (Tessinerkeller), Neufrankengasse 18, Zürich, 1969. Bild: Willy Spiller

«Dieser Ort hiess nicht umsonst Räuberhöhle: kein Abend ohne Schlägerei! Hier zu fotografieren, war eigentlich waghalsig – auch wenn die Stimmung auf diesem Bild friedlich wirkt. Ich habe an manchen Abenden so viel getrunken, bis der Barkeeper mich mochte und ich Mut fasste, zu fotografieren. Es ist bis heute eines meiner Lieblingsbilder, weil es zeigt, wie sich hier Jung und Alt traf und die Gesellschaft nicht wie heute so oft in Zürcher Bars homogen ist.»

«Würger von Lissabon» gegen den «Blauen Engel von Paris», «Catch-as-catch-can», Freistilringen im Hallenstadion, Zürich, 1974

«Ich wollte diese Geschichte über den Randständigensport Ringen unbedingt mit dem Autor und Freund Paul Nizon umsetzen. Der damalige Chefredaktor des ‹Züri Leu›, Jürg Ramspeck, war gegen diese Zusammenarbeit – denn Nizon war bekannt dafür, seine Texte zu spät abzuliefern. Hier aber klappte es; und als ich die Ringer ­aufforderte zu posieren, hob der eine den anderen spontan hoch.»

Mit dem neuen Mofa an der Bahnhofstrasse, Zürich, 1972. Bild: Willy Spiller

«Meine Leica und ich waren Tag und Nacht hellwach; ein Fotoreporter schläft nie und hat die Augen immer offen. So auch hier, als ich auf eine Gruppe Bekannter traf. Das Bild erschien nie, doch mit der Zeit entwickelte es eine eigene Wirkung.»

Bildhalle
Stauffacherquai 56
Vernissage: Do 28.3. 18 Uhr
Bis 11.5.
Mi–Fr 12–18.30 Uhr, Sa 11–16 Uhr
Neben Willy Spillers Bildern sind auch Fotografien von Fred Mayer («Zürcher Panoptikum») ausgestellt.
www.bildhalle.ch

(Züritipp)

Erstellt: 30.03.2019, 16:37 Uhr

Willy Spiller

Geboren 1947 in Zürich, schloss Spiller 1968 die Fotofachklasse an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Danach fotografierte er im In- und Ausland als Bildjournalist und wurde seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet.

Artikel zum Thema

Ein Zürcher in New York

Lust auf etwas 70s- und 80s-Flair? Der Fotograf Willy Spiller war in jenen Jahren in den USA. Mehr...

«Gfötelet» und Glück gehabt

Der Fotograf Willy Spiller hat zur bestmöglichen Zeit Karriere gemacht. Jetzt sind seine Bilder aus den 70ern in der Photobastei zu sehen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Leuchtende Präsidentengattinnen: Melandia Trump und Akie Abe besuchen zusammen das Museum der digitalen Künste in Tokyo (26. Mai 2019).
(Bild: Koji Sasahara) Mehr...