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Kim Kardashian im Dreck – er fotografierte sie

Seit gut 30 Jahren provoziert Juergen Teller mit seiner skurrilen Modefotografie. Das Fotomuseum Winterthur zeigt nun in der Ausstellung «Juergen Teller – Enjoy Your Life!» seine Bilder.

Der Fotograf macht nicht nur Promis, sondern auch sich selbst zum Sujet: Self-reflections, Melancholy and Blood Oranges No.67, London 2018.
Der Fotograf macht nicht nur Promis, sondern auch sich selbst zum Sujet: Self-reflections, Melancholy and Blood Oranges No.67, London 2018.
Juergen Teller

Es gibt nur einen, der auf die Idee kommt, Kim Kardashian auf einen Erdhaufen kraxeln zu lassen: Juergen Teller. Eigentlich hatte er den Reality-TV-Star zusammen mit Gatte Kanye West im französischen Chateau inszenieren wollen. Das war ihm dann aber doch zu langweilig, also schickte er Kardashian in den Dreck – in hautfarbener Unterwäsche, Pumps und Pelz. Kritiker runzelten die Stirn, dabei war das einmal mehr einfach: typisch Teller.

Seit bald 30 Jahren macht der deutsche Fotograf mit seinem unverkennbaren Stil von sich reden: hier etwas zu viel Blitz, dort ein surreales Setting, dazu sehr viel Humor. Victoria Beckham reduzierte er auf zwei nackte Beine, die auseiner Papiertüte baumeln. Schauspielerin Charlotte Rampling liess er mit einem Fuchs aus einem Teller essen. Einen Profi-Skateboarder setzteer in einer Wüstenlandschaft auf den Wassertöff. Roh wirken diese Bilder oft und amateurhaft; irgendwo zwischen Modefotografie und Kunst hat sich Teller positioniert. Und das erfolgreich: Der Fotograf arbeitete schon für grosse Modelabels und Zeitschriften.

Dabei hätte alles anders kommen sollen. Juergen Teller kommt 1964 in Bayern zur Welt, wächst im kleinen Ort Bubenreuth auf. Die Eltern sind Instrumentenbauer, doch Teller muss seine Lehre als Bogenbauer aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. In München studiert er Fotografie und zieht 1986 nach London – er will Englisch lernen und dem Wehrdienst entkommen.

Als Freelancer arbeitet Teller schon bald für englische Mode- und Zeitgeistmagazine. Der Durchbruch gelingt ihm 1991 mit einer Serie der Band Nirvana. Er hatte das Trio auf der Nevermind-Tour begleitet und einige berührende Fotos von Kurt Cobain geschossen. Jetzt klopfen die «Vogue» und der aufstrebende Designer Marc Jacobs bei Teller an. Denn mitten im Supermodel-­Glamour produziert hier einer selber Grunge: Teller fotografiert die ungeschminkte Kate Moss im Bett, die ausgelaugte Linda Evangelista backstage.

Passend zum Namen des Fotografen posieren Models mit Tellern: Eva Herzigová, mit dem Teller nach Bonn, 2016. Bild: Juergen Teller
Passend zum Namen des Fotografen posieren Models mit Tellern: Eva Herzigová, mit dem Teller nach Bonn, 2016. Bild: Juergen Teller

Gerne baut er auch Autobiografisches in seine Arbeiten ein. Models posieren in Anspielung auf seinen Namen mit Tellern, Familienmitglieder und das Elternhaus werden Teil seiner Serien. Manche seiner Bilder werden als provokant angesehen. 1996 lichtet er Kristen McMenamy nackt ab; «Versace» hat jemand auf ihre Brust geschrieben und mit einem roten Herz eingefasst. Doch gegen Sexismus-Vorwürfe verteidigt sich Teller vehement: Seine Fotos seien humanistischer und frauenfreundlicher als all die retuschierten Magazinbilder. «Wichtig ist, dass die Sujets mir vertrauen.» Das scheinen sie zu tun. Charlotte Rampling steckte er die Zunge ins Ohr, Vivienne Westwood spreizte die Beine für ihn. Denn da ist ja immer auch noch Teller selbst, der Scherzkeks, der sich der Lächerlichkeit preisgibt. Etwa, wenn er nackt auf einem Flügel liegt.

Auch in der Kardashian/West-Serie gibt es solche Bilder von ihm: Mit kurzen Hosen, Daunenjacke, Wanderstock und Rollkoffer steht er auf Schotterhaufen und Wurzelstöcken. Ein bisserl deppert, würden sie in seiner Heimat dazu sagen. «Ich will Abenteuer in meinem Leben», sagt hingegen er. Wollen wir das nicht alle?

Fotomuseum Winterthur Grüzenstr. 44/45 Vernissage: Fr 18 Uhr Bis 7.10. Di–So 11–18 Uhr, Mi 11–20 UhrEintritt: 10 / 8 Franken, neu: mittwochs 17–20 Uhr freier Eintrittwww.fotomuseum.ch

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