Vom «Bluememannli» zum Künstler

Erst verkaufte Hans Krüsi über 30 Jahre lang Blumen an der Bahnhofstrasse – dann wurde er als Künstler entdeckt.

Er war ein etwas anderer Künstler: Hans Krüsi.

Er war ein etwas anderer Künstler: Hans Krüsi. Bild: Nachlass Hans Krüsi, Kunstmuseum Thurgau?/?zvg

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Stellen Sie sich vor, es hat ein Maler eine Galerieausstellung, bei der seine Bilder für ein paar Hundert bis gar Tausend Franken verkauft werden. Und er selbst? Stellt sich vor eben diese Galerie und bietet ebenfalls eigene Werke an – für einen Fünfliber das Stück. Unmöglich? Aber so passiert, in den 80ern; besagte Galerie war der Kunstverein Frauenfeld, und der Künstler? Hans (oder, wie er seine Gemälde bisweilen spasseshalber signierte: «Pygasso») Krüsi.

Ja, eine Art Picasso war er schon, dieser Krüsi, der 1920 als uneheliches Kind erst zu (wenig herzwarmen) Pflegeeltern und dann ins Waisenhaus im ausserrhodischen Speicher kam, später wegen mangelhafter Schulbildung nicht die erträumte Gärtnerlehre machen konnte, sondern sich als Knecht und Gärtnergehilfe durchschlug, bis er sich als Blumenverkäufer selbstständig machte.

Malen «aus Plausch»

32 Jahre lang, von 1948 bis 1981, fuhr der Krüsi mit dem Zug von St. Gallen nach Zürich, jeden Werktag, egal bei welchem Wetter, um selbst gepflückte Alpenrosen und Engros-Blumen an der Bahnhofstrasse feilzubieten, meist vorm altehrwürdigen Herrenmodegeschäft Fein-Kaller (da, wo heute der Diesel-Store drin ist).

Mitte der 70er beginnt er zu zeichnen und zu malen, «aus Plausch», wie er selbst sagte. Er malt auf dem, was er zur Hand hat – Kartons, Servietten, leere Milchpackungen –, und das, was er gern hat: Vögel, Katzen, viele Kühe, Pflanzen, etwa Farne, die er als Stempel oder als Schablone verwendet.

«Taubenbild», Mitte Siebzigerjahre, 25 x 35 cm, Acryl / Filzstift auf SW-Kopie. Bild: : Suns Works / Privatsammlung

Ein ästhetisches Konzept hat er nicht, geschweige denn eine Vision; er pröbelt einfach rum mit Sujets, Farben, Formen, und als er merkt, dass sich seine Postkarten mit den Tierli drauf ganz gut verkaufen, ist aus dem «Bluememannli» längst ein Künstler geworden. Einer irgendwo im Spannungsdreieck zwischen Appenzeller Brauchtum, Märchenbuch und Art brut, oder eben, warum nicht: ein «Pygasso».

Eine Viertelmillion im Sparstrumpf

Natürlich wird er vom Kunstmarkt aufgesogen (Superkurator H. U. Obrist meint gar, sein Zusammentreffen als 11-Jähriger an der Bahnhofstrasse mit dem Blume-Krüsi sei sein erster Kontakt mit Kunst gewesen). Aber schlucken liess er sich nicht, wie die Frauenfelder Anekdote zeigt. Zu Ansehen kam er dennoch, und zu Geld: Eine Viertelmillion soll er im Sparstrumpf gehabt haben, als er 1995 an kaputter Lunge starb.

Da hatte er seinen Nachlass von rund 4000 Bildern bereits dem Thurgauer Kunstmuseum vermacht, weil er spürte, dass mans dort ernst damit meint. Ausstellungen gabs seither einige, sogar TV-Beiträge. Kein Wunder: Diese Kunst ist so herzerwärmend authentisch wie ihr kauziger Macher faszinierend.

Hans Krüsi – Collage mit Vögeln, ca. Mitte Siebziger Jahre, 29 x 42 cm, Collage auf Papier. Bild: : Suns Works / Privatsammlung

Wer Krüsi besser verstehen will, kann sich auf Youtube seine Klangexperimente anhören, wo Taubengegurre, Glockengeläut und Co. zu – nicht lachen! – bester Meditationsmusik zusammenfinden. Oder ins Seefeld pilgern, wo Kurator Lorenzo Bernet nun für die Eröffnungsschau seines neuen Kunstraums teils nie Gezeigtes von Krüsi aus Privatsammlungen zusammengetragen hat.

Schön besinnlich inmitten des ganzen Weihnachts-ADHS ist das, nur nach Absprache zu besichtigen und der Auftakt für ein Ausstellungsprogramms, das, so Bernet, sich «eher an astronomischen Zyklen orientiert als am Kunstjahr». Könnte interessant werden. Hans Krüsi hätte es jedenfalls gefallen, denken wir.

Kunstraum Suns Works
Zollikerstr. 249
Vernissage: Sa 7.12. 18–21 Uhr
Bis 6.1.2020
Geöffnet nach Vereinbarung: info@suns.works
Eintritt frei
www.suns.works

Erstellt: 07.12.2019, 08:57 Uhr

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