Zwei Ausstellungen für mehr Licht

Sie ist Herrin der Neonröhren, er malte mit Feuer und Luft statt mit Pinseln. Brigitte Kowanz und Otto Piene: Ein prima Duett.

Otto Piene, «Lightroom with Mönchengladbach Wall», 1963–2013.

Otto Piene, «Lightroom with Mönchengladbach Wall», 1963–2013.

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Otto Piene

Er inszenierte Lichtballette, malte mit dem Rauch russender Kerzen, fragte nach der Möglichkeit einer «Synthese der technischen urbanen Welt und den Naturkräften» – und das nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Otto Piene – Künstler, aber auch studierter Philosoph – 2014 starb, mit 86, verlor Deutschland einen seiner unermüdlichsten Experimentierer.

Die Pionierleistung:
Der Krieg war vorbei, Deutschland lag in Trümmern. Aufzubauen gab es aber auch die Kunst. Also tat sich Piene mit Heinz Mack und (später) Günther Uecker zusammen – zur Gruppe Zero, die die Stunde null der neuen Ära markieren sollte und Werke ins Leben rief, die zuvor undenkbar gewesen wären: Sie brauchten weder Pinsel noch Bilderrahmen, dafür aber ganz viel intel­lektuelle und ästhetische Flexibilität.

Die Ikone:
Klar, da waren die Rauchbilder. Und die Feuerbilder, auf denen Piene Lack anzündete. ­Später die heliumgefüllten Pop-up-Skulpturen. Aber am schönsten – und zeitlosesten – sind die Lichtballette: Man nehme einen dunklen Raum und eine Lichtquelle, die um die eigene Achse rotiert und mithilfe eines über sie gestülpten, gelochten und verspiegelten Lampenschirms endlos Formen über die Wände ­tanzen lässt. Poetisch, hypnotisierend, geradezu relaxtherapeutisch.

Das gibts in Zürich zu sehen:
«Die Sonne kommt näher», meinte Piene 1968 – und knallte dem baffen Publikum ganze 800 handkolorierte Dias der Sonne vor den Latz. Es ging um Strahlkraft, also natürlich auch um die Atomkraft – und weil das Thema virulent ist wie eh und je, heisst die Schau, die Werke aus sieben Jahrzehnten zeigt, nun ebenfalls so. Natürlich ist auch ein Lichtballett dabei – und im Erdgeschoss pumpen Gebläse dröhnend und unermüdlich Luftskulpturen auf.


Brigitte Kowanz

Brigitte Kowanz, Detail aus «www 12.03.1989 06.08.1991», 2017.

Seit den 80ern fluo- und phosphoresziert es um sie herum: Brigitte Kowanz – vor 63 Jahren in Wien geboren und der Stadt seither treu – fand schon während des Studiums an der Uni für angewandte Kunst Wien (wo sie heute selbst doziert), dass in der zeitgenössischen Kunst doch mehr zu holen sein müsse als das ewig gleiche Öl auf Leinwand.

Die Pionierleistung:
Was, wenn man die Idee der Impressionisten eine Umdrehung weiter schraubte? Und, statt Licht mithilfe von Farbe darzustellen, direkt mit Licht malte? Kowanz schnappt sich Leuchtpigmente, die sie auf durchsichtige Unterlagen aufträgt. Bald weichen die Pigmente Neonröhren. Und der Frage: Wie kann Licht als Informationsträger funktionieren? Kowanz’ Antworten sind überraschend, tiefgründig und, ja: sehr, sehr schön.

Die Ikone:
Das Werk «www 12.03.1989 06.08.1991» entstand für die Venedig-Biennale 2017. Das erste Datum steht für den Tag, an dem die Idee des World Wide Web erstmals vorgestellt wurde (übrigens im Cern in Genf). Das zweite für jenen, an dem die allererste Website online ging. Dafür klemmte Kowanz eine geschwungene Neonröhre, die beide Daten in Morsecode anzeigt, zwischen zwei halbtransparente Spiegel. Hallo Endlosreflexion – im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn: über den virtuellen und realen Raum – und darüber, wie wir permanent vom einen in den anderen springen.

Das gibts in Zürich zu sehen:
Zwei Stockwerke voller Arbeiten aus allen Werkphasen. Weil es ­Kowanz immer um allgemein­gültige Aussagen geht, wurden die Werke nicht chronologisch, sondern atmosphärisch zusammengestellt. Der Ausstellungstitel «Lost Under the Surface» ist zugleich Mahnung: Wer sich hier nur an den leuchtenden Oberflächen freut, dem entgeht mancher Denkanstoss.

Haus Konstruktiv
Selnaustr. 25
Vernissage: Mittwoch 5.2., 18 Uhr.
Bis 10.5.
Mi 25.3., 18.30 Uhr: Walk and Talk mit B. Kowanz und Direktorin Sabine Schaschl
www.hauskonstruktiv.ch

Erstellt: 31.01.2020, 09:32 Uhr

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