Zwischen Teheran und Thalwil

In seiner Solo-Ausstellung «150 Days» widmet sich der iranische Künstler Hamed Rashtian seinen Erinnerungen. Allerdings nicht jenen aus seiner Heimat Iran, sondern der Schweiz.

Der Iraner setzte sich zum ersten Mal mit dem Medium Fotografie auseinander.

Der Iraner setzte sich zum ersten Mal mit dem Medium Fotografie auseinander. Bild: Doris Fanconi

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Ein chaotischer Schreibtisch, ein einsames Auto auf einer verschneiten Strasse, eine Zimmerpflanze: Hamed Rashtians Fotografien wirken unspektakulär. Die Bilder zeigen Alltagssituationen aus dem Leben des Künstlers in der Schweiz, aufgenommen mit seiner Smartphone-Kamera. Rashtian verliess seine Heimatstadt Teheran auf Einladung des Galeristenpaars Heidi und Franz J. Leupi. Mit Flucht habe das nichts zu tun gehabt, sagt Hamed Rashtian. Er kann von seiner Kunst gut leben. Der Künstler, der jetzt in einem dicken blauen Wollpullover auf der «Züritipp»-Redaktion sitzt, war auf der Suche nach etwas Neuem. «Ich führe ein Studio in Teheran, arbeitete eng mit einer Galerie zusammen und musste deshalb auch Erwartungen erfüllen», erzählt er. «Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich müsste ausbrechen, um mich weiterzuentwickeln.» Das versucht er unter anderem an der Kunsthochschule F+F, die er in Zürich besucht.

Lange hat der 33-Jährige ausschliesslich Skulpturen gefertigt, etwa solche aus Bronze, die deformierte persische Paläste darstellten, oder bizarre Fantasietiere aus weissem Fiberglas. Seine neue Arbeit ist experimenteller und mutet eher wie ein visuelles Tagebuch als wie ein Kunstwerk an: Während dreier Monaten hat er jeden Tag, jede Stunde ein Foto gemacht – «das war manchmal durchaus ermüdend», erzählt Rashtian lachend. Dass irgendwann aus den Bildern ein neues Werk entstehen würde, daran dachte Rashtian vorerst nicht. Er wollte sich eigentlich nur angewöhnen, öfter Fotos seiner Umgebung zu machen. Erst im Lauf dieses fotografischen Trainings realisierte er, wie viele Erinnerungen in den scheinbar banalen Bildern stecken.

Rashtians Erinnerungsfetzen hängen nun an den Wänden der Galerie AB43. Im ersten Teil der Ausstellung sind die Fotografien aufgeräumt und chronologisch, im zweiten Teil sind sie dicht und wolkenartig gruppiert, gemischt mit Zeichnungen und Kurztexten. Ein Hinweis auf klares versus verschwommenes Erinnern? Er sei überzeugt, sagt Rashtian, dass unser Gedächtnis nicht fix sei: «Unser Hirn formt Erinnerungen, da können sich diese auch von der Realität unterscheiden – weil wir es anders wollen.»

Reminiszenzen und der Iran – schnell kommen im Gespräch Fragen von Vergessen und Verdrängen und einem kollektiven Gedächtnis auf. Im Iran, so der Künstler, sehne man sich momentan vor allem nach der Zeit vor der Revolution 1979. Die Menschen seien nostalgisch, hätten das Gefühl, dass früher alles besser gewesen sei.

Politik und der Iran – ebenfalls zwei Themen, die nur schwer voneinander zu trennen sind. Hamed Rashtian, der sich nicht als politischer Künstler versteht, ist es manchmal leid, ständig über Politik sprechen zu müssen. «Selbst wenn ich von Blumen erzähle, lenken die Leute das Gespräch auf die Politik», sagt der Künstler. Aber er habe sich daran gewöhnt. Was ihn nerve, sei, dass die westliche Welt in jedem Werk eines iranischen Künstlers eine Erklärung zum Zustand des Landes suche – selbst wenn es keine gebe. Denn: Nicht jedes Werk oder jeder Künstler sei politisch, sagt Rashtian, «aber natürlich steht jedem die Interpretation frei».

AB43 Contemporary
Im Park 2-6, 8800 Thalwil, www.ab43contemporary.com
Vernissage: Sa 13-16 Uhr, Artist Talk: Sa 16.30 Uhr
Öffnungszeiten nach Vereinbarung, bis 28.4.

(Züritipp)

Erstellt: 04.04.2018, 14:25 Uhr

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