Der Kirchgänger, der wackelnden Hintern huldigt

Anderson Paak gilt als neuer Fackelträger des Hip-Hop. Heute gastiert der Protégé von Dr. Dre in Zürich.

Immer gut gelaunt: Anderson Paak und seine von Funk triefende Musik.

Immer gut gelaunt: Anderson Paak und seine von Funk triefende Musik.

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Kanye West. Kendrick Lamar. Childish Gambino – Namen, die für die Erneuerung von Hip-Hop stehen. Mit dem Kalifornier Anderson Paak mischt nun ein weiterer Mann in dieser erlauchten Runde mit. Der 32-Jährige ist der Schützling von Dr. Dre und veröffentlicht bald sein Debüt bei einem grossen Label. Seine Waffen: ein entspanntes Dauergrinsen, viel Musikalität und eine ganz klare Vorstellung davon, was er will.

Seinen ersten grossen Auftritt hatte er am 7. August 2015. Damals trat ein grosser Name von der Bühne der afroamerikanischen Musikszene ab. Und ein neuer stiess hinzu. Die Veröffentlichung von Dr. Dres letztem Studioalbum «Compton» markierte zugleich die Einführung eines zuvor nur einem Nischenpublikum geläufigen Namens: Anderson Paak.

«Mehr als alles andere ist es ein Gefühl.»Anderson Paak

Der Produzent, Sänger, Rapper und Schlagzeuger aus Oxnard nördlich von L.A. machte das finale Opus des wohl grössten Hip-Hop-Produzenten zu einem Werk, an das man sich gerne erinnert. Es sind Paaks Melodien, es ist die Tatsache, dass er normale Hip-Hop-Tracks zu Songs verwandeln und damit grösser machen kann.

«Meine Musik zu kategorisieren, überlasse ich gerne anderen», sagte er vor zwei Jahren in einem Radiointerview. «Wenn überhaupt, dann ist das Gospel. Doch mehr als alles andere ist es ein Gefühl.» Er schaue hoch zu jenen Leuten, die MCs waren und schliesslich ihren Horizont erweitert haben und Funk, Jazz, Rock oder Dance-Music entdeckt haben. Leute wie André 3000, Kanye West oder Pharrell. «Ich will einfach lernen, ich will stetig besser werden.»

Video: Youtube/Stones Throw

Das mit der Musik fing für Paak in der Kirche an. Mit Gospelgesang, später mit dem Schlagzeug. Im Alter von zwölf Jahren trat er regelmässig in der Baptistenkirche von Oxnard auf und pries den Herrn. Er spielte in Rockbands, in Punkbands, in Coverbands, sang Prince, Michael Jackson, Bruno Mars und veröffentlichte anschliessend jahrelang unter dem Namen Breezy Lovejoy knackigen, zeitgemässen, souldurchtränkten R & B.

Ein Anruf, der alles veränderte

Nur gross interessieren wollte das irgendwie niemanden. Das viele Talent warf kein Geld ab. Monatelang erntete er legalen Hanf auf einer grossen Plantage, um überleben zu können. Erst 2015, mit dem Projekt NxWorries und dem Song «Suede» kam schlagartig Bewegung in die träge Angelegenheit. Ein Anruf: Ein gewisser Dr. Dre brauche seine Hilfe, hiess es. Er schaute im Studio vorbei, stellte sich hinters Mikrofon, schloss die Augen und versetzte sich zurück in die Kirche. Der Rest ist Geschichte.

Der berühmte Hip-Hop-Produzent spannte das Multitalent mit dem bürgerlichen Namen Brandon Paak Anderson zur kreativen Mitarbeit ein. Gleich an sechs Stücken von «Compton» wirkte Anderson Paak mit und brachte seine leichtfüssigen Refrains und Melodien ein. Seither weiss die Welt auch, dass er seinem Künstlernamen eigentlich noch ein Pünktchen verpasst hat: Anderson .Paak.

«Ich will nicht alleine wursteln»Anderson Paak


Nun steht die Veröffentlichung seines ersten Albums bei Dres Label Aftermath bevor – und man darf sich sicher sein, dass dieser dafür die Qualitätskontrolle übernommen hat. Gleichzeitig darf man hoffen, dass Andersons Freigeistigkeit nicht beschnitten wurde. Auf dem Vorgänger namens «Malibu» (2016) trafen Neosoul, Rap, Kirchenmusik, psychedelische Weiten und soziales Gewissen zusammen. Musik, die ihn in den vergangenen drei Jahren rund um den Globus und zweimal ins Zürcher Exil führte. Vorgetragen mit Spielfreude, Raffinesse und Dynamik, erspielte er sich damit ein weltweites Publikum und Dutzende von Aufträgen.

Zuletzt war Anderson Paak mit Lenny Kravitz, Pharrell Williams, Christina Aguilera oder Busta Rhymes im Studio. Mit Mack Miller produzierte er mit «Dang!» eine Goldsingle, mit Kendrick Lamar einen der wichtigsten Beiträge zum «Black Panther»-Soundtrack. Er ist der Mann, den man ruft, wenn einem Stück Funkyness und Seele eingehaucht werden sollen.

Musik mit einer Vision

«Ich will nicht alleine wursteln», sagte er im US-Radio. «Ich mag das Miteinander, ich mag das Gespräch, die gemeinsame Auseinandersetzung.» So lud er für sein kommendes Album verschiedene Komponisten und Produzenten ein, jammte mit seiner Band The Free Nationals, liess sich inspirieren, entwickelte gemeinsam mit ihnen eine musikalische Vision, die grösser ist als das, was in einem stickigen Schlafzimmer entstehen kann. Der Künstler hat die Vision, die Zutaten kommen von überall – auch dies eine Parallele zu Kanye West, Childish Gambino, Drake und Kendrick Lamar.

Video: Youtube/Anderson Paak

Die Hauptfigur in seinem neuen Video «Bubblin» spielt ein Geldautomat, der pausenlos und überall Geld ausspuckt. Dazu kommen etwa zwanzig Stripperinnen, die es verstehen, ihren variablen Körperfettanteil in ständiger Bewegung zu halten. Geld und Sex – klingt nach einem weiteren Hip-Hop-Werk nach Schema F.

Tatsächlich ist es ein ironisch überspitztes Spiel mit den typischen Klischees, eine clevere Hymne auf den Lohn für getane Arbeit und der Beweis dafür, dass man auch als Kirchengänger stilvoll wackelnden Ärschen huldigen kann.

Di — 20 Uhr
Komplex 457
Hohlstr. 457
Eintritt 65 Franken
www.komplex457.ch

(Züritipp)

Erstellt: 17.07.2018, 14:43 Uhr

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