Haben Sie ein schweizerdeutsches Lieblingswort? «Birebitzeli»

Herbert Grönemeyer spielt am Sonntag in Zürich. Der deutsche Pop-Star über die Erotik des Schweizerdeutschen und sein Text-Chaos.

«Die Popwelt lebt vom Ungestümen. Ich bin jetzt 62. Da ist man nicht mehr ganz so ungestüm.»

«Die Popwelt lebt vom Ungestümen. Ich bin jetzt 62. Da ist man nicht mehr ganz so ungestüm.» Bild: Antoine Melis

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Herr Grönemeyer, wann haben Sie zuletzt gegreint?
Wieso fragen Sie? Gut möglich, dass es bei der Entstehung der neuen Platte mal annähernd dazu kam. Es war ein langer Prozess, ein aufreibender Rausch. Ich habe insgesamt 75 Texte geschrieben.

Ich frage, weil es eines der Wörter ist, die ich durch Sie gelernt habe. Sie haben immer wieder Wörter und Passagen in Ihren Texten, die einen aufhorchen lassen.
Schön, dass Sie das sagen. Das ist ein schöner Moment, wenn einem plötzlich so ein Wort entgegenfliegt. Ich finde, ein Text muss immer auch etwas Verschmitztes haben.

Was meinen Sie damit?
Na ja, ich glaube, ich bin ein sehr melodischer Typ. Meine Musik ist sehr schön. Fast zu schön – an der Grenze zum Kitsch. Deswegen muss der Text das dann richtig anwürzen. Das muss pfeffern. Sonst ist es kein Rock ’n’ Roll.

Ein Beispiel?
«Bochum, ich komm aus dir», ist ja erst mal ein bescheuerter Satz. Würde ich heute nicht mehr schreiben. Genauso wie «Männer baggern wie blöde». Aber es muss natürlich ein bisschen nerven. Es muss ein bisschen Reibung entstehen. Das habe ich dann über die Jahre trainiert.

«Bochum» vom gleichnamigen fünften Album.

Wie war der Weg dahin?
Steinig. Ich bin ja nach dem vierten Album wegen Erfolglosigkeit von meiner Plattenfirma entlassen worden.

Zu Recht?
Na ja, die hatten halt Geld investiert. Die erste Platte hat sich 500-, die zweite 400-mal verkauft. «Gemischte Gefühle» dann immer­-hin 15 000-mal. Aber das bewegte sich alles in tiefroten Zahlen. «Bochum» wurde dann bei einer neuen Plattenfirma veröffentlicht. Es war das erste Album, das ich selber produziert habe.

Hat Sie die Erfolglosigkeit zu mehr Pfeffer angetrieben?
Nö. Ich hab auch schon vorher ein paar recht scharfe Lieder geschrieben. Ich wollte es einfach richtig machen. Gute Texte auf Deutsch waren rar. Gesungen hätte ich auch so. Aber sprachlich sass «Bochum» sicher zum ersten Mal aufn Punkt. Dann setzte der gigantische Erfolg ein.

Hat er Sie verändert?
Er hat mich tierisch gefreut. Und er hat mir die Möglichkeit gegeben, grösser zu denken. Aber ich war auch vorher nicht unglücklich. Ich war ja schon mit 17 Musikalischer Leiter des Theaters in Bochum, hab dann angefangen, Musikwissenschaften und Jura zu studieren. Ich hab mich nie verrenkt, um Erfolg zu haben.

Ich äussere mich halt immer auch politisch, beziehe Stellung. Das gehört für mich zur Rockmusik dazu.Herbert Grönemeyer

Kommt die Vielfältigkeit in Ihrer Musik vom Theater?
Ich habe am Theater gelernt, wie aus Chaos Schönheit entstehen kann. Vor allem die Zeit mit Regisseur Peter Zadek hat mir geholfen, den Wahnsinn aus mir herauszukitzeln. Und das Chaos kultiviere ich noch immer. Ich schreibe an zehn Texten gleichzeitig. Alles ist voller Zettel.

Sie haben mittlerweile eine absolute Sonderstellung in Ihrem Heimatland. Sie sind so etwas wie der Seismograf der deutschen Befindlichkeit.
So sieht man sich natürlich selber nicht. Ich habe nur gemerkt, dass das, was ich sage, auf ein gewisses Interesse stösst. Ich äussere mich halt immer auch politisch, beziehe Stellung. Das gehört für mich zur Rockmusik dazu. Und das scheint die Leute heute interessanterweise zu überraschen.

Der Rechtsrutsch und die nicht vollzogene Wiedervereinigung waren grosse Themen.
Ja. Ich sehe mein Verhältnis zu Deutschland wie eine Beziehung. Und da artikuliert man halt auch die Dinge, die einem nicht passen. Die Ängste, die Sorgen – genauso wie die guten Momente.

Jetzt touren Sie wieder durch Ihr Heimatland. Mit welchem Gefühl?
Ich mag Deutschland. Ich finde, das Land ist vielseitig, hat faszinierende Facetten. Mir macht die Verschiedenartigkeit tierisch Spass – und auf Tour kriegt man das eins zu eins mit. Die Rheinländer sind von Natur aus gut drauf und freuen sich schon, wenn man da ist. Die Norddeutschen sind etwas zurückhaltender. Dafür wollen die dann nicht mehr nach Hause gehen. So hat jede Region ihre Eigenheiten.

«Birebitzeli»

Wie fühlt es sich an, in der Schweiz zu spielen?
Erst mal ist man auch nach all den Jahren sehr berührt, dass in einem anderen Land überhaupt Leute kommen. Ich habe das Schweizer Publikum als wunderbar, differenziert und liebevoll wahrgenommen. Die Schweizer haben generell einen guten Humor. Ganz trocken, ganz ruhig. Da kann man an der Supermarktkasse auch mal einen Witz machen. Versuchen Sie das mal in Berlin.

Sie sind ja sehr sprachverliebt. Haben Sie ein schweizerdeutsches Lieblingswort?
«Birebitzeli». (lacht ausgiebig) Oder Sätze wie «Gömmer go poschte?». Ich mag die Sprache irre gerne. Ich finde die auch erotisch. Hart wirds erst, wenn die Schweizer wütend werden. Dann muss man sich warm anziehen.

Verstehen Sie den Dialekt denn?
Ja, ich hatte ja lange eine Beziehung mit einer Zürcherin – und war damals sehr oft dort. Von daher würde ich sagen: 80 Prozent.

Zurück zum Künstler Grönemeyer: Sie haben den Rausch erwähnt, das Konvolut an Texten. Wird man mit den Jahren nicht gelassener?
Schön wärs. Aber da stehe ich mir selber zu sehr im Wege. Man will sich doch immer wieder aufs Neue beweisen. Die Popwelt, in der ich mich bewege, lebt vom Ungestümen. Und ich bin jetzt 62. Da ist man nicht mehr ganz so ungestüm.

Wie geht man damit um?
Man versucht, ruhigeren Liedern die gleiche Spannung und Intensität mitzugeben. Die innere Wucht will man sich bis zur letzten Sekunde bewahren. So wie die Herren vom Buena Vista Social Club, die noch mit über 90 auf der Bühne stehen.

Ein Plan für Herbert Grönemeyer?
Die Bühne ist ein magischer Ort. Wenn man mit seiner Band da oben ist und plötzlich Klang entsteht, geht einem das durch Mark und Bein. Das will man so lange wie möglich auskosten.

So 17.3. — 19 Uhr
Hallenstadion
Wallisellenstr. 45
Eintritt 100 Franken (nur noch wenige Plätze)
www.hallenstadion.ch

(Züritipp)

Erstellt: 13.03.2019, 10:47 Uhr

Fünf Glanzmomente einer langen Karriere

«Bochum» (1984)
Erst das fünfte Album brachte für Grönemeyer den Erfolg. Mit einem Titelsong, der einer ganzen Region Selbstbewusstsein schenkte: der Ruhrpott-Hymne «Bochum».

«Männer» (1984)
Auf dem gleichen Album fand sich mit «Männer» ein Song, der sich jedem wegen seiner überreizten und zugleich coolen Vortragsweise schon beim ersten Mal einprägt. Seine Werkzeuge: Ironie und Sprachgewalt.

«Luxus» (1990)
Grönemeyer hören heisst Zeitgeschichte hören: «Luxus» war sein erstes Lied zur harzigen Wiedervereinigung zweier ungleicher Republiken: «Hör auf, viel zu predigen, hör auf mit der Laberei / Wir feiern hier ne Party, und du bist nicht dabei.»

«Der Weg» (2002)
Die berührendste Grönemeyer-Ballade ist ein Abschiedslied aus einer Zeit, in der er nach einer Reihe von Schicksalsschlägen seinen Weg erst wieder finden musste.

«Mein Lebensstrahlen» (2018)
Der beste Song seines aktuellen Albums «Tumult» zeigt,
wie es Grönemeyer schafft, auch ohne die Wucht von früher relevant zu bleiben: «Zwischen Hirn und jetzt, mit Liebe versetzt».

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