Zweifel am Verzweifelten

Nick Cave gilt als einer der grossen Songwriter der Musikgeschichte. Und doch ist der Australier nicht über jeden Zweifel erhaben.

Auch mit 60 Jahren ist Cave eine Figur, die kaum zu fassen ist.

Auch mit 60 Jahren ist Cave eine Figur, die kaum zu fassen ist.

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PRO
Er ist ein mitreissender Performer – Von wenigen Musikern lässt sich sagen, dass sie auf der Bühne fast immer überzeugen. Nick Cave gehört dazu. Nicht nur aus Professionalität, sondern aus dem spürbaren Bedürfnis nach Ausdruck, Intensität und Verausgabung. Ich sah ihn 1986 im Volkshaus zum ersten und 2013 auf der grossen Bühne des Paléo-Festivals von Nyon zum letzten Mal, beide Male gab er alles. Er ist ein grosser Songwriter – Wer hätte es damals gedacht, als er auf Heroin war und anorektisch durchs Leben taumelte, dass es ihn dreissig Jahre später noch geben würde? Dass er am Morgen ins Büro gehen, ans Klavier sitzen und Songs schreiben würde, diszipliniert, kompetent und berührend? Dass er eine Platte nach der anderen machen würde, und das auf sehr hohem Niveau? Er ist Nick Cave – Er hat sich selber am besten ­definiert: «Your limitations make you the wonderful disaster you most probably are.» Deine Beschränkungen machen dich zu dem wundervollen Desaster, das du höchstwahrscheinlich bist. (jmb)

KONTRA
2017 kann man gegen den Musiker Nick Cave kein Wort sagen. Schliesslich hat er mit seinem aktuellen Album «Skeleton Tree» ein erschütterndes, weil verzweifeltes Meisterwerk vorgelegt. Man kann höchstens gegen den Menschen Nick Cave wettern, der sich schon so lange so unnahbar gibt, dass das lachhaft wirkt. Dazu ein persönliches Beispiel: Bei unserer ersten Begegnung 1990, unweit des Zürcher Bahnhofplatzes, schien er kurz davor, mich zu verprügeln, nur weil ich es gewagt hatte, eine ihm unliebsame Frage über den Zusammenhang zwischen Melancholie und Depressivität zu stellen. Seither hat Cave sein öffentliches Image nicht aufgehellt; dabei unterminiert die Grimmigkeit, die bis heute von ihm ausgeht, seine Glaubwürdigkeit als Künstler. Einer, der sich in seinen Songs so sachkundig und mehr noch eloquent mit der Absurdität der menschlichen Existenz auseinandersetzt, kann so düster gar nicht sein, wie Cave tut. Trotz der grossartigen Songs erstarrt sein harter Gang unweigerlich zur Pose. Was kaum Absicht sein kann. (nij)

Sonntag, 19.30 Uhr, Hallenstadion.

(Zueritipp)

Erstellt: 08.11.2017, 15:26 Uhr

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