Er bekam eine zweite Chance

Der Äthiopier Hailu Mergia jobbte in Washington als Taxifahrer – da wurde sein Soloalbum aus den 80er-Jahren wiederentdeckt.

Geboren in Äthiopien: In seinem Heimatland war er bereits in den Siebzigern ein Star.

Geboren in Äthiopien: In seinem Heimatland war er bereits in den Siebzigern ein Star.

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Viele lieben Ethio Jazz. Vermutlich ohne mit der Begrifflichkeit vertraut zu sein oder Namen wie Mulatu Astatke, Alemayehu Eshete und Hailu Mergia täglich zu verwenden. Aber wer die ersten Sekunden des ruckelnden Rhythmus von Astatkes Stück «Yègellé Tezeta» hört, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Brücke bauen: Den betörenden Swing des Stück krallten sich vor einigen Jahren Nas & Damian Marley für den Hit «As We Enter».

Unabhängig davon hat Jazz aus der äthiopischen Belle Epoque von Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre schon seit mehr als einer Dekade Hochkonjunktur. Es ist die Mischung aus Beschwingtheit und Melancholie, die daran fasziniert. Der Ethio Jazz bedient sich der pentatonischen Skalen und der äthiopischen Musikgeschichte, aber genauso des Funk und des Rock. Immer wieder wird man in Grooves verführt, die man so nicht erwartet hätte. Grooves, die in die Glieder fahren.

Harmonien mit viel Groove: Hailu Mergia mit Band. Video: YouTube/Boiler Room

Ein Meister der Überraschung ist Tastenmann Hailu Mergia. Auch er gehört der älteren Generation an, war in den Siebzigern ein lokaler Star. Mit der Gruppe The Walias orgelte er hypnotische Jazzfunk-Nummern wie «Tche Belew» (1977).

Noch kultiger und experimenteller ist allerdings sein Soloalbum «Hailu Mergia & His Classical Instrument» von 1985. Darauf operiert Mergia quasi dreilagig: Die Hauptstimme gehört dem Akkordeon – und damit der Tradition, aber dazu stellt er die Klänge des Synthesizers und den Beat des Drumcomputers. Man weiss nie: Hört man jetzt trippigen Discofox, archaischen Rave, übermütige Hip-Hop-Beats oder verschlungene Hirtenmusik? Vielleicht alles gleichzeitig. Jedenfalls entwickelt sich in jedem Stück ein betörender Dialog.

Mergia hatte die Musik schon lange zum Hobby erklärt, war in die USA ausgewandert und jobbte als Taxifahrer, als Brian Shimkovitz die Kassette 2013 in Äthiopien entdeckte. Dank der Wiederveröffentlichung auf seinem Label Awesome Tapes From Africa schenkte er Mergia eine internationale Karriere – und uns weitere neue Experimente.

Sa 21.9. — 20:30 Uhr
Moods
Schiffbauplatz
Eintritt 38 Franken
www.moods.club

Erstellt: 19.09.2019, 10:37 Uhr

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