«Wir sind alte Säcke!»

Streit, Rock, Quoten und Stephan Eicher: Das grosse Gespräch mit den Machern der Lethargy zum 25-Jahr-Jubiläum.

Die Lethargy in der Roten Fabrik: Manche gehen im Vibe des Festivals völlig auf.

Die Lethargy in der Roten Fabrik: Manche gehen im Vibe des Festivals völlig auf.

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Die Lethargy ist die letzte grosse Veranstaltung, auf der man in der Nacht nach der Street Parade noch tanzen kann. Freut Sie das?
Styro2000: Es ist bizarr, richtig bizarr! Wir sind tatsächlich die Einzigen, die noch übrig ­geblieben sind. Dabei sind wir mal als Schlechter-Scherz-Party gestartet.

Michel Häberli: Sag, wie war das ganz am Anfang? Die Vorschriften waren lascher?

Styro2000: Es gab viel weniger Vorschriften, und wir haben uns auch viel weniger an bestehende Vorschriften gehalten. Am Freitag ging es los, die Party hiess Gigantomania 4.5. Die fand im Rahmen der Taifun-Disco statt. Für den Samstag hatten wir keine Bewilligung, und es war auch nichts abgesprochen. Die Überraschung in der Roten Fabrik war ziemlich gross.

Am Techno erhitzten sich in der Roten Fabrik die Gemüter.
Styro2000: Es wurden Grabenkämpfe ausgetragen! Ich und meine Mitstreiterin Viola (Zimmermann, eine der ersten weiblichen DJs der Schweiz) waren auf einem Podium zum ­Thema «Techno: Ja oder Nein?». Als wir das ­erste Mal in die Aktionshalle zogen, durften wir die Musikanlage der Roten Fabrik nicht benutzen, wir mussten selber eine mieten.

Wie läuft es heute in der Roten Fabrik?
Styro2000: Man muss sich jedes Jahr wieder zusammenraufen.

Diana Trentin: Aber am Schluss, wenn es ­vorüber ist, finden es alle immer megalässig.

Michel Häberli: Ohne die Rote Fabrik wäre das alles nicht möglich, auch finanziell. Die ­Organisation in der Roten Fabrik hat es über all die Jahre sicher nicht einfach gemacht. Aber heute läuft es gut. Die Prozesse sind effizient wie nie.

Styro2000 ist von Anfang an mit von der Partie. Der Zürcher Techno-Pionier ist DJ und die eine Hälfte des Live-Acts Die Galoppierende Zuversicht.


Aber auch die Lethargy musste effizienter werden?
Michel Häberli: Ja, wir sind seriöser geworden [lacht], haben uns professionalisiert. Es heisst ja immer, die Lethargy sei über die Jahre gewachsen. Dabei ist es vor allem unser Aufwand, der ­gewachsen ist. Gleichzeitig haben wir weniger Eintritte, die Künstlergagen sind explodiert, es gibt mehr Vorschriften. Das Umfeld ist heute viel anspruchsvoller.

Die Lethargy wird 25. Da ist es konsequent, dass das OK in die Jahre gekommen ist?
Styro2000: Wir sind alte Säcke! (Lachen in der Runde)

Ist die Lethargy ergo ein Festival für alternde Raver?
Michel Häberli: Wir beobachten das natürlich sehr genau, weil uns die Langlebigkeit der Lethargy wichtig ist. Darum machen wir uns auch Gedanken, unser OK zu verjüngen. Es ist wirklich so: Das Durchschnittsalter unserer ­Besucher hat zugenommen. Nicht im selben Ausmass wie im OK, aber ja, es ist eindeutig so, unser Publikum wird älter. Es gibt weniger Junge, die nachrücken.

Warum ist das so?
Styro2000: Die Musik hat bei der Jugend nicht mehr dieselbe Bedeutung. Sie ist heute kein Distinktionsmerkmal mehr. Mein Göttimeitli findet Techno zwar cool, aber wer jetzt spielt, das interessiert sie nur marginal. Und heute sind die Jungen auch braver, früher wurde viel mehr Unfug angestellt.

Was würden Sie ihrem Göttimeitli erzählen, was es in den wilden Neunzigern verpasst hat?
Styro2000: Oh nein, auf diese Fährte lasse ich mich nicht locken! So in der Art von: Opa, ­erzähl mal vom Krieg! (Lachen in der Runde)

Michel Häberli: Heute liegen auf jeden Fall nach der Party viel mehr leere Bierbüchsen am Eingang rum. Dafür wird dann weniger an der Bar konsumiert. Und viele Jugendliche hören auch andere Musik, zum Beispiel Urban oder Hip-Hop. Aber da wollen wir uns nicht ­anpassen.

Petar Klingel ist seit 2005 dabei. Man kennt ihn als P.Bell, einen Musiknerd und DJ, der jedes Jahr an der Afterhour am Sonntag auflegt.


Das Lethargy-Programm hat einen Frauenanteil von gut 30 Prozent. Geben Sie hier eine Quote vor?
Styro2000: Wir haben schon in den 90er-Jahren versucht, viele Frauen zu buchen. Wegen DJ Viola waren wir von Anfang an für das ­Thema sensibilisiert.

Michel Häberli: Das beschäftigt uns natürlich. Eine Quote haben wir aber nicht. Nur die Qualität darf nicht leiden.

Diana Trentin: Wir buchen, was uns überzeugt. Unabhängig vom Geschlecht. Ich finde es super, dass Frauen gefördert werden, weil sie viel weniger präsent sind. Aber am Schluss bin ich bei Michel: Die Qualität muss stimmen.

Warum spielen an der Lethargy seit ein paar Jahren auch grössere Acts wie Stephan Eicher?
Michel Häberli: Mit Stephan Eicher wollen wir diejenigen ansprechen, die vor 15 Jahren an die Lethargy gekommen sind, die heute aber ­weniger zu Techno tanzen. Und mit der Seebühne, die es seit zwei Jahren gibt, verfolgen wir auch eine klare Absicht: Die Leute sollen früher kommen. Für uns ist es frustrierend, wenn die Leute immer erst um 1 Uhr morgens da sind und die ersten DJs vor leeren Rängen spielen. Das liegt auch daran, dass sich die Besucher kurzfristig entscheiden und sich das Ticket erst in der Nacht aufs Handy laden.

Petar Klingel: Und wir selber mögen ja nicht nur Techno!

Styro2000: Die Lethargy ist schon lange kein Techno-Festival mehr. Eher ein elektronisches Musikfestival auf Abwegen. Man muss die Techno-Leute auch mal mit dem Rock eines Reverend Beat plagen dürfen! Wir sind eine Gruppe von fünf Leuten. Jeder hat einen anderen Musik­geschmack. Und so setzt sich das zu­sammen.

Michel Häberli war Geschäftsführer der Dachkantine, heute koordiniert er die Lethargy. Seit 2005 verantwortet er auch Deko und Visuals des Festivals.


Wie entsteht eigentlich das Programm?
Petar Klingel: Jeder schlägt seine Favoriten vor. Wir hören die Sachen gemeinsam an und entscheiden dann. Wir müssen dann natürlich schauen, wer überhaupt verfügbar ist. Und welche Acts auf welche Bühne passen.

Michel Häberli: Das OK ist insofern die künstlerische Leitung.

In einem Vierteljahrhundert passiert viel. Welche Anekdote haben Sie im Kopf?
Styro2000: Einmal stand plötzlich Marshall Jefferson da, ein House-Pionier aus Chicago, und legte spontan ein Set an der Afterhour hin, obschon er gar nicht gebucht war. Gross­artig. Das konnte man früher einfach noch ­machen.

Petar Klingel: Ich werde nie vergessen, wie mir Mike Banks, der Chef des legendären Techno-Kollektivs Underground Resistance, tief in die Augen schaute und sagte, er spüre den Vibe der Lethargy. Überhaupt ist es toll, wenn Acts völlig im Festival aufgehen. Auch wenn du sie dann am Sonntagmorgen auf der Wiese aufsammeln musst und ihnen sagst: «Hey, dein Flugzeug geht in zwei Stunden!»

Michel Häberli: Auch das hat sich verändert. Alle sind Unternehmer geworden. Früher spielten ausländische DJs am Sonntag gratis, heute kosten die bald mehr als früher am Samstag.

Diana Trentin arbeitete als Night Managerin im Rohstofflager, bevor sie 2004 zum Team der Lethargy stiess.


Der Ansturm auf den Sonntag, die Afterhour der Lethargy, wird jedes Jahr grösser.
Michel Häberli: Was uns ein bisschen nervt. Immer diese Anfragen wegen Tickets für Sonntag. Die sind aber in erster Linie für die Leute gedacht, die am Freitag und Samstag kommen. Weil sie ja eben den Sonntag erst möglich machen.

Diana Trentin: Der Sonntag ist für uns ­traditionell der Moment, wo wir im OK einen Gang zurückschalten, um das ausklingende Festival zu geniessen. Aber heute ist das auch nicht mehr so einfach. Weil das Festivalgelände seit ein paar Jahren auch am Sonntag abgeschlossen ist, braucht es mehr Organisation. Der Apparat ist grösser. Aber es ist immer noch familiär.

Wird in der Lethargy-Familie viel gestritten?
Michel Häberli: Weniger als auch schon.

Styro2000: Wenn, dann nur kurz. Wir haben weniger Geduld.

Michel Häberli: Auch weniger Zeit! Wir ­haben alle einen Job. Keiner von uns lebt von der Lethargy, was auch schön ist, weil wir so weniger Zwänge haben und viele Freiheiten ausleben ­können. Und trotzdem muss die Rechnung am Schluss aufgehen.


Lethargy
Fr 9.8. – So 11.8.
Rote Fabrik
Seestr. 395
Eintritt: 115 Franken für den 3-Tages-Pass, Konzert plus Party 65 Franken, Party ab 42 Franken
www.lethargy2019.ch

Erstellt: 07.08.2019, 13:46 Uhr

25-Jahr-Jubiläum

Lockerheit, Fantasie, Qualität. Das sind Dinge, die die Lethargy eine popkulturelle Ewigkeit vorgefeiert hat. Aus der Vorgängerparty Gigantomania 4.5 sprach schon der gleiche Schalk, mit dem die Lethargy 1994 den Megarave Energy persiflieren sollte. Was einst ein paar Techno-Rebellen in der Roten Fabrik angezettelt hatten, öffnete sich stilistisch über die Jahre immer mehr und ist längst ein Festival für «elektronische Musik auf Abwegen» (Styro2000).

Highlights lethargy 2019

Stephan Eicher
Die Filles und Mecs vom rechten Züriseeufer drängen zur Seebühne, wenn der Pop-Chansonnier gemeinsam mit der Balkan-Brassband Traktorkestar musiziert.
Fr 9.8., 20 Uhr

Octave One
Ein Schnarren hier, ein Plockern da, ein Zischen dort.
Ein Wiedersehen mit Lenny und Lawrence Burden aus Detroit, die schon 2009 die Lethargy hypnotisiert haben.
Fr. 9.8., 2 Uhr

Haai
Die australische DJ ist eine grossartige Grenzgängerin zwischen den Stilen. Da tanzen Herz und Hüfte Gummitwist.
Sa 10.8., 5 Uhr

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