«Harte Arbeit liegt mir nicht»

Nick Mason war Pink Floyds Drummer. Am Freitag reanimiert er das Frühwerk der Psychedelik-Pioniere in Zürich. Das Interview.

Er war das rhythmische Gewissen von Pink Floyd: Nick Mason in den Siebzigerjahren.

Er war das rhythmische Gewissen von Pink Floyd: Nick Mason in den Siebzigerjahren. Bild: Getty Images

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Die Kritiker haben ekstatisch auf Ihr erstes Konzert reagiert, das Sie mit langjährigen Kollegen in London gegeben haben. Hat diese Rezeption Sie überrascht?
Ja. Ich wusste nicht, was uns erwarten würde. Natürlich bin ich begeistert.

Die Journalisten nahmen eine grosse Spielfreude wahr.
Das hat damit zu tun, dass wir ältere Herren sind, zugleich aber eine neue Band. Und ja, ich verspüre die Begeisterung meiner Kollegen. Sie erinnert mich an unsere Anfänge vor 50 Jahren. Der Geist von damals inspiriert unser Spiel von heute. Was mir vor der Premiere nicht bewusst war: Wie leicht sich eine solche Haltung auf das Publikum überträgt.

Aber die Musik der frühen Pink Floyd war experimenteller, die Band improvisierte mehr.
Das stimmt. Trotzdem möchte ich nicht, dass wir klingen wie unsere eigene Coverband, die das alte Material genau so nachspielt, wie wir es damals aufgenommen haben.

Sie gaben die Premiere Ihres Programms im «Dingwalls», das ist ein alter Londoner Club in Camden Town. Wie war das für Sie, der so lange in Stadien gespielt hatte, plötzlich auf einer so kleinen Bühne aufzutreten?
Der Adrenalinspiegel ist genau gleich hoch, egal, ob Sie vor 500 Leuten spielen oder vor 50 000. Ein kleines Publikum kann Sie noch mehr verstören, weil Sie wissen, dass es auf Sie fokussiert ist. Aber ich mag kleine Säle sehr, ausserdem glaube ich nicht, dass unser Programm für grosse Orte geeignet ist. Eher für eine kleine Bühne an einem Open Air.

«Humor ist in der Musik weit verbreitet, wird aber oft überhört, weil so viele Leute alles so ernst nehmen», sagt Drummer Nick Mason.

Wie bleibt man als Musiker auf einer Welttournee mit unzähligen Auftritten in Fussballstadien motiviert?
Man steckt da einfach mit drin, und mir hat das gut gefallen. Es geht ja immer noch um die Musik, auch wenn das Licht, die Kulissen und Spezialeffekte wichtiger sind.

Was haben Sie beim Proben Neues über die alten Songs gelernt?
Eine ganze Menge. So erschien mir einiges komplexer, als ich es in Erinnerung hatte. Die Rhythmuswechsel zum Beispiel.

Beim Wiederhören Ihres ersten Albums, damals noch mit Syd Barrett, wird einem bewusst, wie unheimlich vieles darauf klingt.
Das Interessante an seinen Songs ist die stilistische Vielfalt. Sie reicht von psychedelischen Experimenten bis zu einer sehr englischen Folkmusik.

Video: YouTube/Pink Floyd

George Harrison sang auf «It’s All Too Much» die ironische Zeile: «Show me that I’m everywhere, and get me home for tea». Warum verlief die psychedelische Phase in Grossbritannien so viel humorvoller und unschuldiger als in den USA?
Humor ist in der Musik weit verbreitet, wird aber oft überhört, weil so viele Leute alles so ernst nehmen. Aber ich denke auch, dass wir in Grossbritannien eher mit Humor reagieren. Gerade auch auf diese psychedelische Phase, die zum Rausch neigte, aber auch zum Bedeutungsvollen.

Roger Waters, Ihr alter Freund und ehemaliger Bandkollege, sagte mir im Interview, er habe das ganze Flowerpower-Zeug nicht ausstehen können.
(lacht laut) Well, that’s Roger. Uns wurde bewusst, dass diese Bewegung eine grossartige Chance war, um unsere Karriere zu starten. So gesehen, sollten wir dankbar sein dafür, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Aber was 1967 betrifft, den Summer of Love: Damals arbeiteten wir schon als professionelle Band. Während die Leute im Hyde Park Seifenblasen machten und einander Blumen schenkten, fuhren wir auf der Autobahn in den englischen Norden.

Die Psychedelik ist schlecht gealtert, nicht nur die Musik, sondern auch die Texte. Während ein Album wie «Dark Side of the Moon» sowohl lyrisch wie musikalisch immer noch überzeugt.
Das hat damit zu tun, dass Rogers Texte auch für 60-Jährige relevant sind. Sie waren es schon damals, als er diese Texte als junger Mann schrieb.

Roger Waters gestand im Gespräch, Sie einmal beinahe umgebracht zu haben, als Sie sehr heissen Tee tranken und er Sie zum Lachen brachte. Können Sie sich daran erinnern?
Es war ekelhaft. Ich inhalierte den Tee durch die Nase und versprühte ihn im ganzen Raum.

Als wir 1967 unser erstes Album aufnahmen, hatte ich ungefähr 100 Stunden lang Schlagzeug gespielt.Nick Mason

Man hört, Sie hätten bei Ihrem amerikanischen Kollegen Terry Bozzio Schlagzeugstunden genommen, um sich auf Ihre Tournee vorzubereiten. Stimmt das?
Nein. Was stimmt: Ich werde bei Terry ein paar Stunden nehmen, und es werden meine ersten Schlagzeugstunden sein. Ich habe mir das Spielen selber beigebracht – etwas, das ich keinem empfehlen kann.

Wie kamen Sie auf Terry Bozzio? Er hat ja lange mit Frank Zappa gespielt, ist also eher ein Funk- und Jazz-Schlagzeuger.
Ich kam auf ihn, weil ich ihn kenne, er ist ein grossartiger Kerl, und ich liebe sein Spiel. Ich dachte mir, wenn ich schon Stunden nehme, dann fange ich ganz oben an.

Dabei haben Sie Ihren eigenen Stil stark entwickelt. Auf dem ersten Floyd-Album spielen Sie recht schnell, aber mit jeder neuen Platte hat sich Ihr Spiel mehr entspannt.
Was Sie an meinem Stil wahrnehmen, halte ich für eine direkte Folge meines Autodidaktentums. Als wir 1967 unser erstes Album aufnahmen, hatte ich ungefähr 100 Stunden lang Schlagzeug gespielt. Je länger ich weitermachte, desto mehr konnte ich mich als Spieler entspannen. Mein Stil änderte sich nochmals 1979, bei den Aufnahmen zu «The Wall». Bob Ezrins Arbeit als Produzent führte dazu, dass ich viel strukturierter spielen musste.

Video: YouTube/Pink Floyd

Die grosse Ausstellung über Pink Floyd im Londoner Museum Victoria & Albert macht deutlich, wie stark Sie als Musiker in Räumen dachten. Hat das damit zu tun, dass einige von Ihnen Architektur studiert hatten?
Ich denke schon. Roger, Rick und ich hatten ja eine Zeit lang studiert. Aber auch unser damaliger Beleuchter hatte Architektur studiert.

Die meisten Ihrer frühen Platten nahmen Sie in den Studios an der Abbey Road auf, die durch die Beatles weltberühmt wurde. Was macht diesen Ort aus?
Abbey Road hat eine spezielle Atmosphäre, ausserdem ist es ein Studio, in dem sehr verschiedene musikalische Genres aufgenommen werden, von Rockbands bis zu einem klassischen Orchester. Studio 1 und 2 sind so gross, dass sich das auf den Klang auswirkt.

Wenn du einen Fehler machst, wirf einen wütenden Blick auf den Bassisten und schüttle den Kopf.Nick Mason

Mit «Inside Out», einer Floyd-Biografie von innen, haben Sie sich nicht nur als guter, sondern auch als ausgesprochen komischer Autor erwiesen. Darf man hoffen, dass Sie ein weiteres Buch schreiben werden?
Ja, aber im Moment habe ich mehr Freude daran, Musik zu spielen. Ich liebe das Schreiben, aber es ist harte Arbeit, und darin bin ich nicht gut.

Das letzte Mal, als Sie mit Roger Waters, David Gilmour und Richard Wright zusammen spielten, war das bei Live 8, dem Benefizkonzert vom Juli 2005. Man bekam den Eindruck, der Auftritt habe Sie alle bewegt.
Ja, so war es, und ich bin sehr froh, dass wir noch einmal etwas zusammen gemacht haben. Bob Geldof rief Roger Waters an, der sagte zu und überzeugte David Gilmour, mitzumachen. Wir waren für unsere Streitigkeiten so bekannt geworden, dass es ein schönes Erlebnis war, für einen guten Zweck gemeinsam aufzutreten. Alle unsere Kinder waren da und sahen, wie ihre Väter sich wieder verstanden.

Waren Sie nicht der interne Diplomat von Pink Floyd? Sie waren eng mit Roger Waters befreundet, kamen aber auch mit den beiden anderen gut aus.
Das wollte ich nie sein. Und auch ich habe sieben Jahre nicht mit Roger Waters gesprochen, als er die Band verliess und uns verbieten wollte, ohne ihn weiterzumachen. Was uns bei der Versöhnung half: Wir waren schon lange vor Pink Floyd gute Freunde gewesen.

Was ist der beste Rat, den Sie anderen Schlagzeugern geben können?
Wenn du einen Fehler machst, wirf einen wütenden Blick auf den Bassisten und schüttle den Kopf.

Fr — 19.30 Uhr
Samsung-Halle
Hoffnigstrasse 1
Eintritt 92 – 122 Franken
www.samsunghall.ch

Erstellt: 20.09.2018, 16:33 Uhr

Taktvoller Stilist

Der Schlagzeuger ist das einzige Mitglied von Pink Floyd, das von Anfang bis zum Ende der Band dabei war. Dabei hat er noch andere Talente. Zum Beispiel fährt Nick Mason mit Begeisterung Autorennen. Ausserdem hat er ein grossartig lustiges Buch über seine Band geschrieben, das ihn als exzellenten Stilisten auszeichnet.

Wer sich auch nur ein bisschen für Rock ‘n’ Roll, Englischsein und vier intelligente Leute interessiert, wird es wiederlesen. Zurzeit tourt Mason mit langjährigen Kollegen durch die Welt und spielt dabei Stücke der früheren Floyd-Jahre. Die Kritiken sind ekstatisch.

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