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«Ich bin einfach sehr unreif»

Devendra Banhart hat Angst unter Menschen. Mit uns hat er trotzdem gesprochen – über die Freiheit und sein neustes Album.

Melanie Biedermann
Er hat gerade neue Songs geschriben: Darin geht es auch um die Situation in Venezuela.
Er hat gerade neue Songs geschriben: Darin geht es auch um die Situation in Venezuela.

«Ma» ist bereits Ihr zehntes Album. Was haben Sie seit Ihren Anfängen als Musiker dazugelernt?

Es gibt ein schönes Zitat eines spirituellen Priesters: «Es geht nicht darum, das Rätsel zu lösen, sondern darum, zu verstehen, dass alles ein Rätsel ist.» Ich mag diesen Gedanken, er lässt sich gut auf das Kunstmachen anwenden. Die meiste Zeit habe ich nämlich keine Ahnung, was ich mache.

Gute Kunst entsteht in ­Momenten totaler Präsenz, ohne Ablenkung.

Devendra Banhart

Ihr Schaffen sagt etwas anderes.

Ich habe gelernt, dass es hilfreich ist, wenn ich nicht hinterfrage, was ich gerade tue – und mich von Gefühlen oder Impulsen leiten lasse.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Derzeit setze ich mich intensiv mit meinen Ängsten auseinander. Das macht natürlich keinen Spass. Ich sehe Kunst aber auch nicht als Eskapismus, sondern als Möglichkeit, mich in der Realität zu spüren. Gute Kunst entsteht in ­Momenten totaler Präsenz, ohne Ablenkung.

Meditieren Sie oft?

Ich versuche es, ich finde es sehr hilfreich. Wenn man erst einmal allein mit sich und seinen Gedanken ist, beginnt man zu verstehen, dass die meisten Ängste nicht real sind. Das ist ein grossartiges Gefühl, sehr ermächtigend. Stellen Sie sich vor, Sie brauchen nichts und niemanden ausser sich selber? Das ist doch wahre Freiheit. Das ist Luxus.

Sich nicht ablenken zu lassen, ist heute vielleicht die grösste Kunst.

Ja, die Realität macht uns Angst. Dass wir auf Screens starren können, bis uns die Augen ausfallen, ist zu einem gewissen Grad ja auch wundervoll. Aber wenn wir uns deshalb nicht mehr mit uns selber auseinandersetzen, wird es gefährlich. Ängste werden so nur grösser und überwältigender.

Eine meiner anderen Ängste ist es, unter Menschen zu sein.

Devendra Banhart

Wovor haben Sie Angst?

Meine grösste Angst, die ich auf «Ma» thematisiere, ist jene vor der Situation in Venezuela und was seit Jahren in Tibet passiert. Für mich hängen diese beiden Themen zusammen; da werden Kulturen ausgerottet, das Leid ist enorm. Es sind humanitäre Krisen. Eine meiner anderen Ängste ist es, unter Menschen zu sein.

Dafür sind Sie ein sehr talentierter Entertainer.

Ach, ich weiss nicht. Ich fühle mich wirklich nicht dafür gewappnet. Ich bin auch einfach sehr unreif, ich fühle mich ja auch mit mir selber unwohl.

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Devendra Banhart (38) ist in Texas geboren, lebte bis in die Teenagerjahre mit seiner Mutter in Venezuela und später in Kalifornien. Seit den frühen Nullerjahren macht Banhart mit psychedelischen Folksongs und als spartenübergreifender Künstler und Aktivist von sich reden.

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Sie haben sich für das Album mit dem Wort «Ma» auseinandergesetzt, das fast überall auf der Welt für «Mutter» und im Japanischen auch für «Zwischenraum» steht. Was bedeuten diese Themen für Sie?

Ich habe herausgefunden, dass ich nicht nur eine Person als meine Mutter bezeichnen möchte, sondern alle Menschen und Dinge um mich herum. Das wäre mein Ziel als Mensch. Und Zwischenräume sind für mich etwas, das schwer zu bewahren ist.

Wieso?

Ich tendiere dazu, sie mit vielen Herausforderungen zu füllen. Da hilft mir dieses Zitat aus dem Buddhismus: «Develop a mind that is vast like space.» Gedanken, so weit wie der Weltraum – es gibt Hoffnung!

Sa 8.2. — 19:30 Uhr X-Tra Limmatstr. 118 Eintritt 55 Frankenwww.x-tra.ch

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