Nena – noch immer aktuell

Die 80er-Ikone bedient wie keine andere die Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Und wirkt dabei nicht peinlich. Wie schafft sie das?

Viele erinnern sich an Nenas Musik, ihre Outfits – und ihr Achselhaar.

Viele erinnern sich an Nenas Musik, ihre Outfits – und ihr Achselhaar. Bild: AKG-Images

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In der Welt, in die uns Gabriele Susanne Kerner seit Anfang der Achtziger mitnimmt, ist alles schwerelos. Man fährt auf Feuerrädern Richtung Zukunft, erlebt endlose Liebe, darf Pirat sein. Es sind flüchtige Gefühle, klar, aber sie sind authentisch. Nena, wie sich Kerner als Musikerin seit eh und je nennt, verkörpert die grosse Sehnsucht. Die Sehnsucht nach den Achtzigerjahren.

Songs wie «Leuchtturm», «Irgendwie irgendwo irgendwann» oder ihr grosser Welthit «99 Luftballons» stehen unverkennbar für dieses Jahrzehnt. Wer Nena hört, wird an die guten Momente von damals erinnert.

Danach scheinen viele ein Bedürfnis zu haben: Noch immer wird «99 Luftballons» täglich rund um den Globus im Radio gespielt. Der Song ist auf Spotify mittlerweile 82 Millionen Mal gestreamt worden und darf an keiner 80s-Party fehlen. Auch seine Wirkung als Türöffner auf internationaler Ebene ist ungebrochen: Erst vor zwei Jahren tourte Nena, die Deutsche aus dem Ruhrpott, erstmals mit ihrer Band durch die USA. Japan bereiste sie bereits in den Achtzigern mehrmals.

Video: Nenas Türöffner

Aufgeladen mit politischer Haltung: Nenas Welthit «99 Luftballons». Video: YouTube / TV80s

Ausgerechnet ihr grösster Hit verkörpert mehr als Gefühle, Sehnsucht und gute Momente der Achtziger. Er ist aufgeladen mit einer politischen Haltung. In «99 Luftballons» geht es um den Kalten Krieg, um das Wettrüsten und darum, wie sinnlos sich die ganze Situation gegenseitig aufschaukelt. 1983 entstanden, ist der Hit einer der wenigen Songs, an dessen Entstehung Nena selber nicht beteiligt war. Der Text stammt von Gitarrist Carlo Karges, die Musik schrieb Keyboarder Uwe Fah­renkrog-Petersen. Auch die ein Jahr später veröffentlichte englische Version des Songs entwickelte sich zu einem internationalen Hit – auch wenn deren Text gesanglich längst nicht so gut aufgeht.

Frieden mit der eigenen Geschichte

Doch wie lebt sie selber damit, dass sie mit einer längst vergangenen Zeit verbunden ist? «Heute ist das friedlich», sagte sie vor drei Jahren im österreichischen Fernsehen. «Ich hatte mal eine Zeit, wo ich mich davon komplett abkoppeln wollte. Wo ich mit meiner Vergangenheit nichts zu tun haben wollte und darüber auch nicht sprechen wollte. Inzwischen hab auch ich geschnallt, dass das ja ein Teil meines Lebens ist.»

«So einen Scheiss mach ich nicht.»Nena

Sie hat den besten Weg gewählt, um damit umzugehen: Sie geniesst es. Und sie hat sich ein zweites Standbein als TV-Persönlichkeit aufgebaut. Seit 2011 ist sie als Jurymitglied mit dem Format «The Voice of Germany» auf dem Privatsender ­Pro 7 präsent. Angeblich hat sie der TV-Sender dafür lange bearbeiten müssen. Dreimal habe sie die ihr zugeschickte DVD in den Müll geschmissen und gesagt: «So einen Scheiss mach ich nicht.» Erst als ihre Forderungen nach wirklicher Nachwuchsförderung erfüllt wurden, sagte sie zu. Kurz: Sie blieb authentisch.

«Mal ein Bierchen trinken gehen»

58 Jahre ist Nena heute. Und es ist nicht so, dass sie nicht altern würde. Sie altert jedoch gut. Weil sie sich diesem Prozess nicht entgegenstemmt. «Ich war damals sehr unbedarft und offen», beschrieb sie in einem Fernsehinterview ihre Haltung in den Achtzigern. «Das habe ich mir über die Jahre versucht zu erhalten.» So unterbricht sie auch schon mal ein Konzert mit den Worten: «Kommt, wir machen jetzt mal zehn Minuten Pause, ich geh mal ein Bierchen trinken.» So passiert 2015 in Wien.

Es gibt Videozusammenschnitte, die Stars aus längst vergangenen Zeiten zeigen – erst bei einer Performance zu ihrer Blütezeit, dann heute. Der Vergleich schmeichelt 95 Prozent der gezeigten Stars nicht. Die meisten sind in puncto Gesangsleistung und Bühnenpräsenz inzwischen weit zurückgefallen. Sie wirken nicht wie Popstars, sondern wie ältere Menschen – viele sympathisch, einige verkrampft. Mit einer Ausnahme: Nena.

Was Nena seither musikalisch gemacht hat, ist weit entfernt von Peinlichkeit. Immer wieder probiert sie Neues aus, so rappte sie auf ihrem letzten Album «Oldschool» von 2015 mit Unterstützung von Samy Deluxe.


Video: Oldschool – Hinter den Kulissen

«Keine Skandale – nur Randale»: Nena spricht über ihr aktuelles Album «Oldschool». Video: YouTube / nenaofficial


Nena hat nichts von ihrer Ausstrahlung und Kraft eingebüsst. Und sie verkörpert noch immer das Gleiche: die Achtziger, mentale Freiheit, die Haltung, dem Kalten Krieg die kalte Schulter zu zeigen. Übersetzt auf heute: jeder Form von Unterdrückung, jeder Form von Bevormundung die Stirn zu bieten.

Ihre Hörer nimmt die dreifache Grossmutter zurück in die Achtziger. Und zugleich an einen Ort, an dem wir alle ein bisschen mehr Mut und Selbstvertrauen haben. Und cool sind. So wie sie – damals wie heute.

Fr, 20 Uhr
Volkshaus, Stauffacherstrasse 60
Das Konzert am Freitag wie auch das am So, 20.5. sind ausverkauft.
www.nena.de

Erstellt: 11.05.2018, 11:15 Uhr

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