«Man sollte Nonsens zulassen»

Wayne Coyne, Kopf der legendären Psychedelic-Popband Flaming Lips, über Löcher am Firmament und seine Kollegin Miley Cyrus.

Wayne Coyne versteht etwas von Inszenierung. Und er ist «alt genug, um sich nicht um die Meinung anderer zu scheren». Foto: George Salisbury

Wayne Coyne versteht etwas von Inszenierung. Und er ist «alt genug, um sich nicht um die Meinung anderer zu scheren». Foto: George Salisbury

Guten Morgen, Mister Coyne!
Guten Morgen, Schweiz! (gähnt)

Entschuldigen Sie, dass ich Sie so früh störe. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie ein Nachtmensch sind?
Ja, ich bin schon eher der Nachmittags- und Nachtmensch. Das ergibt sich ganz einfach aus der Tatsache, dass wir normalerweise so bis drei oder vier Uhr morgens im Studio sind. Da ist es ganz natürlich, dass man nicht so früh aufsteht.

Was macht die Nacht für Sie reizvoll?
Man kann einfach in Ruhe arbeiten. Nachts fühlt es sich nicht so an, als hätte man zu viele Verpflichtungen. Aber oft arbeite ich mit anderen Musikern zusammen. Da richtet man sich vor allem nach ihnen. Ich kann ja nicht einfach jemanden um zwei Uhr morgens ins Studio bestellen, weil mir das am besten passt.

Sind Sie eigentlich eine dieser dauerinspirierten Lichtgestalten?
(lacht) Nein, ich bin kein Erleuchteter. Meistens passiert nichts. Da fliesst gar nichts. Man hangelt sich irgendwie durch, probiert neue Sounds aus, jammt ein bisschen rum. Irgendwann im Laufe des Musizierens und Bastelns kommt dann alles plötzlich sinnvoll zusammen – jedenfalls im Idealfall.

«Ich verstehe längst nicht alles, was ich singe.»

Kann man das irgendwie beeinflussen?
Ich könnte jetzt von irgendwelchen Wundermitteln erzählen, aber es ist vor allem eine Einstellungssache. Wenn man gewillt ist, dranzubleiben, dann stellt sich die Kreativität ein. Oder irgendwas Spannendes passiert. Wenn man die ganze Zeit darauf wartet, dass sich ein magischer Mantel der Inspiration um einen legt, dann dreht man durch. Das Mittel heisst: dranbleiben. Neugierig sein. Und wenn einem das keinen Spass macht, dann sollte man es bleiben lassen.

Dranbleiben, einfach dranbleiben?
Na ja, das bringt natürlich auch nicht immer was. Zur Seite legen ist auch ein wichtiger Aspekt. Wir arbeiten immer an fünf, sechs verschiedenen Sachen. Irgendwann findest du dann das fehlende Puzzlestück und kannst ein Werk abschliessen. So gehe ich übrigens auch als Maler vor. Das neue Album beginnt mit einer warmen Bassmassage und dem Titeltrack namens ...

... «Oczy Mlody». Was bedeutet das?
Das ist ein polnischer Ausdruck, der «Augen des Jungen» bedeutet. Das war aber nicht so entscheidend für uns. Diese beiden Wörter haben einfach etwas bei uns ausgelöst. Sie haben eine Welt eröffnet, in die wir unsere Musik setzen konnten. Eine befreiende, ausserweltliche Welt.

Im Song «Listening to the Frogs with Demon Eyes» singen Sie von einem Loch im Nachthimmel. Was verbirgt sich dahinter?
Ich glaube, ich habe zumindest eine Idee davon, was damit gemeint ist.

Davon gehe ich aus!
Wieso? Ich verstehe längst nicht alles, was ich singe. In diesem Fall aber geht es wohl um die Angst, verrückt zu werden. Davon, dass man den Wahnsinn in Kauf nimmt, weil man nach Abwechslung sucht.

Der dazugehörige Song hat etwas Heiliges. Er beginnt und endet mit quakenden Fröschen – dazwischen kreiert er einen sehr intimen Raum.
An dem Song arbeiten wir schon seit 2012. Wir haben ihn immer wieder hervorgeholt und nach den passenden Klängen dafür gesucht. Die Lösung kam, als mein Compagnon Steven Drozd einen selbst gebauten Synthesizer anschleppte. Einen 150-Kilo-Klotz. Irgendwie gelang es mir, ihn zum Laufen zu bringen. Er erzeugte diese vielschichtigen Glockentöne. Und die wiederum holten diese Geschichte aus mir hervor.

Sind Sie eigentlich die Flaming Lips?
Nein. Ich bin als Sänger einfach zum Gesicht und zur Stimme der Band geworden. Unsere Musik hingegen entsteht fast immer in Zusammenarbeit. Ich glaube, das ist auch nur so möglich. Es gibt kaum spannende Musik, die nur von einer Einzelperson erzeugt wird.

Was fehlt Ihnen, um alleine Musik zu machen?
Ich bin zum Beispiel rhythmisch nicht sehr begabt. Wenn ich einen Beat mache, nehme ich mir zu wenig Zeit. Und von Harmonien und Tonleitern habe ich nicht die leiseste Ahnung. Steven Drozd hingegen ist ein musikalisches Genie. Er weiss alles über Musik. Er hätte mit Miles Davis oder Igor Strawinsky zusammenarbeiten können. Das ist sein Level. Wirklich.

«Ich wünschte, ich hätte ein bisschen mehr Wissen.»

Wieso arbeitet er dann mit Ihnen?
Ich glaube, wir bewundern Qualitäten des jeweils anderen. Er würde sich wahrscheinlich wünschen, dass er sich immer mal wieder von den Regeln der Musik lösen könnte. Bei mir ist es das Gegenteil: Ich wünschte, ich hätte ein bisschen mehr Wissen und Struktur.

Wofür braucht man dieses Wissen?
Um die grösstmögliche emotionale Wirkung zu erzielen. Natürlich kann man ohne musikalische Bildung geilen Punkrock machen. Aber wenn man Stimmungen entwickeln will, die in grosse Gefühle münden, dann sollte man auch die Feinheiten und Regeln der Musik kennen.

Was sollte man sonst noch beachten?
Man sollte unbedingt Nonsens zulassen. Unfälle erlauben. Die Unfälle sorgen nämlich für die Würze. Unsere besten Stücke sind uns passiert. Wir haben einfach dafür gesorgt, dass sie uns passiert sind. Meine grösste Qualität ist es, zu erkennen, wenn etwas Spannendes passiert. Dann muss man zupacken.

Apropos Nonsens: Sie haben in letzter Zeit immer wieder mit Miley Cyrus zusammengearbeitet. Ist sie eine Schwester im Geiste?
Ja, auf jeden Fall. Und ich weiss auch, wieso: Sie ist jung genug, schlau genug und verrückt genug, sich nicht darum zu kümmern, was die Leute über sie denken. Sie steht an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie einfach das macht, was sie cool findet. Sie fackelt nicht lange. Sie muss sich dafür nicht hintersinnen. Und ich bin alt genug, dass ich mich auch nicht um die Meinung anderer schere.

Erstellt: 25.01.2017, 18:30 Uhr

The Flaming Lips live

Dienstag, 20 Uhr, Volkshaus, Stauffacherstr. 60, Eintritt 70 Franken, www.allblues.ch

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